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365 Tage und eine Entscheidung: Leben oder Tod?

Leben oder Tod?
Abstinenz

Datei gelöscht und ich schreibe nochmal neu. So einfach geht das mit dem Leben und mit den Erfahrungen aber nicht. Gelernt habe ich, dass jede Erfahrung erfahren werden möchte. Jeder Moment ist Teil meines Lebens. Meines kleinen Lebens, welches zu mir gehört. Was hat sich geändert? Irgendwie alles. Freier, gelassener, dankbarer. Dankbar für alles was ist, alles was war und alles was noch kommen wird. Das klingt so erleuchtet. Bin ich aber nicht. Mir ist lediglich ein Licht aufgegangen. Als ich mich dazu entschlossen habe, mich um mich selbst zu kümmern, da wurde etwas losgetreten, von dem ich niemals glaubte, dass das in mir liegt.

 

Ich gehe durch die Straßen und mir gehen Gedanken durch den Kopf. Ich bin nüchtern, ich bin ganz klar und das schon so lange. Kein Kater, kein Downer. Wie krass ist das denn? In diesen Momenten kann ich mein Leben feiern. In diesen kleinen Momenten bin ich tatsächlich ein wenig mit Stolz erfüllt. Ich glaube, das ist eventuell für jemanden, der fast ausschließlich nüchtern durch das Leben spaziert, schwer nachvollziehbar. Es fühlt sich ungefähr so an wie ein schönes Bild gemalt zu haben. Wie einen Marathon gelaufen zu sein, oder wie eine Prüfung mit 1,0 zu bestehen. Nur ohne Leistungsdruck. Die Ausgangslage und eine Entscheidung. Die Entscheidung muss klar sein, ohne diese Entscheidung geht es nicht. Und da geht es tatsächlich um Leben oder Tod. Ballern und das Hirn verlieren? Birne zuschütten, bis nur noch Matschbirne übrig ist? Oder alle 7 Sachen endlich einmal beisammen haben und sich für das Leben entscheiden. Da brauche ich mir nichts schön reden. Vielleicht kommt es einem inneren Blumenpflücken gleich. Sehr cheesy! Ich pflücke aber keine Blumen, dann sind die nämlich tot. Ich pflanze lieber Blumen und schaue sie mir dann an. Meinen inneren Garten habe ich nun selbst bepflanzt.

 

Über 1 Jahr, über 12 Monate, über 365 Tage. Das klingt so viel. Vor einem Jahr hätte ich nicht gedacht, dass ich das schaffen könnte und dass sich das einmal so gut anfühlen wird. Nüchtern, trocken, clean.

Angst vor dem Leben: Was würde denn passieren, wenn man mir meine Flasche nehmen würde? Dann würde ich doch gar nichts mehr in den Händen halten. Das Leben würde durch meine Hand rieseln und nicht mehr wirklich greifbar sein. Ich habe mich doch so sehr daran gewöhnt. Wenn man mir das nehmen würde, was würde denn dann von mir übrig bleiben?

 

Ich. Schlicht und ergreifend ich selbst. Dann müsste ich mich mit mir selbst auseinandersetzten. Mich selbst aushalten und lernen mit mir befreundet zu sein.

 

Stupide blickte ich jeden Morgen nach dem Aufwachen aus meinem Fenster. Beobachtete die Blätter am Baum. Mein Nachbar hörte Rap und über mir polterte es. 'Seid doch mal ruhig! Seid doch einfach alle mal ruhig! Sofort!' Und jedes Mal kurz nach dem Aufwachen wünschte ich mir, dass der Tag ganz schnell vorbei sein wird. Das ich mich und mein zerrissenes Leben nicht aushalten muss. Das ich mich einfach mal wegbeamen könnte und fresh und funky wieder aufwache. Das wird aber nicht passieren, solange man sich wegbeamt.

Ein Blick in nur eine Richtung und das über Jahre. Ganz starr. Da weiß ich doch, was ich davon habe und was mich erwarten wird. Wenn ich mich umschauen würde, dann wäre das doch etwas Neues. Dann würden vielleicht ganz unerwartete Dinge passieren. Davor habe ich doch aber Angst. Also erst einmal weiter starren. Aber so läuft das nicht, zumindest nicht gut. Zumindest nicht lebenswert. Feucht, aber nicht fröhlich. Also entschloss ich mich zum Umdrehen, zum Umschauen. Ganz ungewohnt. Da war alles gar nicht mehr verschwommen. Ganz nüchtern betrachtet sieht die Welt echt auch ganz anders aus. Graue Tage und trübe Momente gibt es immer noch, aber nicht mehr so viele. Die Glücksmomente überwiegend. Nur für heute, nur für diesen einen Tag. Nur für den einen Moment, entscheide ich mich immer wieder für mein eigenes Leben, für meine eigenen ganz persönlichen Erfahrungen. Nur für heute weiß ich, dass sich alles gelohnt hat. Das sich Widerstände lösen. Das Verantwortung übernommen werden darf. Das ich so viel mehr wert bin. Das ich mir nicht mehr wünschen muss, jemand anderes zu sein, ein anderes Leben zu führen. Nur für heute weiß ich, dass ich wichtig bin. Das ich mir wichtig bin und dass das Leben lebenswert und nun so viel lebenswerter ist.

 

Was hat sich geändert? Ich bin immer noch ich. Und als ich mich dazu entschlossen habe, den Blick zu wenden, dann sah ich plötzlich so viel mehr. Dann sah ich plötzlich eine wundervolle Familie, wundervolle Beziehungen und wundervolle Freunde, denen ich unendlich dankbar bin. Ja, das geht an meine Familie und meine Freunde, ich kann nicht einmal ansatzweise in Worte packen, wie unsagbar dankbar ich bin, euch in meinem Leben zu haben. Das ist auch cheesy, aber das muss sein!

Freunde und Familie, die mich anlächeln, in die Arme nehmen und stolz auf mich sind. Für die ich immer noch die Vladi bin. Manchmal frage ich mich, worauf eigentlich stolz sein? Weil ich manchmal nach all den Jahren gar nicht wirklich stolz auf mich sein kann. Stolz darauf, sich für das Leben zu entscheiden? Ist das denn nicht selbstverständlich? Möglicherweise nicht. Also genieße ich es, dass Menschen stolz auf mich sind. Dann lerne ich, stolz auf mich zu sein. Nur für heute, nur für einen Tag und nur für diesen einen Moment.

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