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Spieglein, Spieglein und mein Hund

Tierseelen

Mein Hund und ich
Straßenhund Pearl

Ich hatte Tiere schon immer gern. Als kleines Kind hatte ich immer das Gefühl, dass ich Tieren mehr verbunden bin,  als den Menschen. Deswegen habe ich mich wohl schon mit 11 Jahren dazu entschlossen, sie nicht mehr zu essen. In den kurzen Phasen, in denen ich sie ab und an wieder auf meinem Teller liegen hatte, ging es mir nicht gut. Bei jedem Bissen  Fleisch in meinem Mund zerbrach ein Stück in mir. Wie kann man diese wundervollen Wesen essen? Das ist wohl eine ganz persönliche Entscheidung. Bei mir schwang immer die Trauer mit. Wie beim Menschen, ist es auch bei den Tieren so, dass wir einfach nur in die Augen schauen müssen, um die Seele zu erkennen. Deswegen liegen Tiere heute wohl abgepackt und ohne Augen bei uns im Kühlregal. Wir müssen nicht in tote Seelen schauen ohne nachzufühlen, sondern das Endprodukt kann seelenlos gekauft werden. Wenn wir tote Tieraugen sehen, finden wir diese ekelhaft. Wie kann man diese essen? Wie kann man Gehirn essen oder Leber oder Herzen?  Auch das habe ich nie verstanden. Wenn ich mich dazu entschließe ein Tier zu essen, dann kann ich doch genauso gut in Dankbarkeit und Demut alles davon verzehren, oder nicht? Das ergibt in meiner fleischlosen Gedankenwelt irgendwie viel mehr Sinn. Das soll nur ein kurzer Exkurs gewesen sein.

 

Eine Geschichte wird bei uns in der Familie immer wieder mit einem herzlichen Schmunzeln hervor geholt: meine innige Freundschaft zu einem russischen Langhaarcolli. Cora war ihr Name. Meine Mama hatte die Hündin damals für meinen Opa geholt, damit sie auf diesen aufpassen kann, sobald meine Mama das Elternhaus verlässt. Ich muss zwischen zwei oder drei Jahre alt gewesen sein und hatte die Hündin wohl so unfassbar gerne, dass ich ihr eines Tages voller Leidenschaft in ihre Hundenase biss und sie vor lauter Schreck aufheulte.  Das hinderte die Hündin jedoch nicht daran, nach unserer Abreise nach Deutschland  an vorbeifahrenden Kinderwagen hoch zu springen und voller Neugier nach mir zu suchen. Wie unfassbar treu doch Hundeseelen sind.

Georgien - Mestia
Kühe auf der Weide

Einen Hund durfte ich zwar als kleines Mädchen nicht haben, dafür aber ein Meerschwein. Die Wochenenden bin ich dann (zum Leidwesen meiner Eltern) pünktlich zwischen fünf und sechs Uhr morgens aus meinem Bett gesprungen und habe mich schnurstracks auf den Weg über eine große Wiese zu einem nahe gelegenen Kälberstall gemacht, um dem Bauern beim Füttern zu helfen. Ein paar Stunden später kam ich (wieder zum Leidwesen meiner Eltern) beißend nach Kuhmist stinkend  nach Hause. Ich habe es geliebt!

Zudem durfte ich den Golden Retriever meiner Nachbarn ausführen, welches ich dann auch tagtäglich getan habe (und meinen Nachbarn bestimmt oftmals damit auf die Nerven ging). Am schönsten war es, wenn Monti (so hieß der Rüde) bei uns in der Wohnung sein durfte, da unsere Nachbarn etwas vor hatten und einen Hundesitter benötigten. Mein Papa konnte es damals nicht leiden, wenn Hunde zu viel sabberten, also bin ich mit einem Küchentuch gewappnet Monti hinterher gelaufen und habe ihm regelmäßig seine Schnauze gereinigt, damit er auch auf jeden Fall wieder zu Besuch kommen durfte.

 

Meine Nachbarn zogen irgendwann aus, da sie ihre eigene Hundezucht aufbauen wollten und ich entdeckte die Pferde für mich. Ich konnte die Samstage kaum erwarten, an denen ich mich früh morgens auf mein Fahrrad geschwungen habe und zum Pferdestall ins Nachbardorf fuhr. Irgendwie hatte ich immer ein Herz für verlorene Seelen. Die "Kinderlieblinge" wie Max oder Moritz waren nichts für mich. Ich mochte die, die keiner haben wollte. Die komplizierten oder bockigen. Und dann verlor ich mein Herz an Marna, eine Haflinger - Araber - Stute. Sie hatte den Ruf kompliziert zu sein und im Gelände zu Buckeln, bis ich begriffen habe, dass sie nicht kompliziert ist, sondern einfach keinen Bock darauf hat ständig im Kreis zu laufen und sich im Gelände dann so sehr freut, dass sie ab und an mal alle Viere von sich streckt. Unsere Seelen berührten sich. Ich musste nicht viel sagen, nicht viele Anweisungen geben - wir verstanden uns ohne Worte. Marna war meine erste tierische beste Freundin. Bis sie verkauft wurde. Meine Freundin wurde mir genommen und dafür bekam ich die schöne Elfa. Elfa wurde zum Dressurpferd ausgebildet und wurde dann ausrangiert. Da man ihren Hals permanent mit einem Gurt dazu brachte gewölbt zu sein, war Elfa unfassbar sensibel und streckte ihren Hals permanent in die Höhe. Das war eine Nummer zu groß für mich und professionelle Hilfe musste her und ich fragte mich, warum Menschen Tieren nur so etwas antun können?

Große Träume

Am liebsten hätte ich  alle Tiere gerettet, alle Zecken entfernt, alle Tränen beseitigt, allem Tierleid ein Ende gesetzt. Viele Jahre lang wollte ich Tierärztin werden. Der Wunsch war eigentlich in Stein gemeißelt, bis ich während meines Austauschjahres ein Praktikum bei einem Tierarzt machte. Dann wurde mir schlagartig bewusst, was ein Tierarzt eigentlich die meiste seiner Zeit so macht. Kastrieren, Sterilisieren und Katzenkrallen entfernen (damit diese keine Möbelstücke mehr zerstören können) und dann zerbrach das letzte Stück in mir. Ich hatte gefühlt die Beziehung zu Tieren verloren, obwohl doch eigentlich der Mensch der 'Auslöser' war. Ich weiß nicht, was in diesem Moment passiert ist aber irgendetwas hat sich innerlich in mir abgekapselt. Große Träume wurden die Kehle herunter geschluckt und durften nicht mehr existent sein. Ich habe eigentliche Gefühle nicht mehr gefühlt und der Kopf schaltete sich ein. Abgespalten. Ich wusste, ich liebe Tiere, aber ich habe das Vertrauen in die Menschen verloren und Herz und Kopf gingen von da an getrennte Wege.

 

Dieses Jahr änderte rückblickend betrachtet so viel. Danach habe ich mein Abitur gemacht und Wirtschaft studiert und hart gefeiert. Ich war nicht mehr Dieselbe. Ich kam mir plötzlich so klein vor. Zwar konnte ich fließend Englisch sprechen, aber meine Träume schienen wie weggeblasen. Verstand schuftete nur noch und Herz musste daraufhin schweigen.
So ging das einige Jahre und irgendwann habe ich gar nicht mehr verstanden, was mir mein Herz eigentlich sagen möchte. Ich hatte die Sprache verlernt und versuchte mich zu betäuben. Wunschlos glücklich? Wohl eher schweigend versinkend. Es folgten Paris, Berlin und die Modebranche. Die Tiere habe ich nicht vergessen. Wenn wir beispielsweise in einer Runde beisammen saßen und etwas getrunken haben und Hunde dabei waren, dann habe ich mich lieber mit den Hunden, als mit den Menschen beschäftigt. Ich wusste, das Gefühl ist nicht verloren gegangen sondern ich presse es zwanghaft in eine Ecke hinein, sodass ich es nicht mehr zu Gesicht bekomme.
Als ich mit meinem damaligen Freund in Montenegro war, mussten wir täglich an einem Haus vorbei laufen, in dem sich kleine Kätzchen aufhielten und ich hätte sie stundenlang beobachten können. Die Besitzerin unserer Ferienwohnung hat uns vor unserer Wanderung darauf hingewiesen, dass, falls wir Schlangen oder ähnlichen Tieren begegnen sollten, wir ganz ruhig stehen bleiben sollen und die Schlange gedanklich und gefühlt darum bitten dürfen, von uns fern zu bleiben und ich habe sofort verstanden, was sie damit meint. Ich finde Menschen, die die Sprache der Tiere verstehen, so unfassbar faszinierend.

Gesucht und Gefunden

Tierheimliebe
Buddy

Die Geschichte der Klinik und der Sucht sollte euch bekannt sein - das denke ich zumindest. Deswegen gehe ich hier nicht näher darauf ein. Heute empfinde ich die Sucht tatsächlich als Suche. Ich war jahrelang auf der Suche nach dem Gefühl, welches mir verloren gegangen ist. Ich war auf der Suche nach den großen Träumen, dem kindlichen Leichtsinn, den tierischen Momenten, dem vor Freude innerlich fast platzen, doch war ich ein paar Jahre 'besessen' vom Weltschmerz. Ich kann nichts tun! Den Tieren geht es schlecht, der Welt geht es schlecht, mir geht es schlecht, der Regenwald wird abgeholzt, Menschen verhungern, Tiere werden gequält, ich leide an gebrochenem Weltschmerz und mein Herz kann nichts dagegen tun.

 

Ich saß, ein paar Wochen bevor ich in die Klinik gegangen bin, bei meinem Papa im Wohnzimmer auf einem Stuhl und er meinte zu mir: 

Die Welt braucht menschen wie dich!

Im ersten Moment habe ich nicht ganz verstanden, was er meint, da in meinen Augen die Welt so ungerecht war und ich so klein war und gefühlt gar nichts ausrichten konnte. Und dann entschloss ich mich dazu, mich auf die Suche zu begeben. Wenn Menschen meinen, dass so viel mehr in mir steckt, dann muss das doch vielleicht auch stimmen. Es steckt so viel mehr in dir, glaube mir!

Meditation, Suche, Therapie, Heilung, Tränen, Freude, Leichtigkeit, Hunde. Ich hab's gefunden. Aufgeben ist keine Lösung. Suchen und finden. Vielleicht kann ich nicht die ganze Welt retten, aber ich kann beginnen, meine kleine Welt zu retten. Ich hatte zu der Zeit weder Geld, noch Job aber ich wusste, ich kann helfen. Also rief ich beim Tierheim an und fragte, ob ich Hunde ausführen darf. Ich besuchte die Website, scrollte nach unten, sah ein Bild und plötzlich machte das Leben einen Ruck. Ein kurzer vibrierender 'Lebensstillstand' quasi. Ich sah ein Bild und einen Namen: Buddy. Ich konnte zunächst einmal nichts mit diesem 'Lebensruck' anfangen. Eine Woche später fragte ich intuitiv (obwohl das eigentlich mein 'Projekt' werden sollte) meinen damaligen Freund, ob er mitkommen möchte. Ich gab der Intuition ihren Raum - woher auch immer sie kam. Wir fuhren zum Tierheim und sprachen mit der Chefin, die zu uns meinte: "Da ihr zu Zweit seid, gebe ich euch heute einen Hund, der sehr selten raus gegeben wird und schon acht Jahre bei uns ist." Ich schaute sie an und meinte: "Du gibst uns jetzt Buddy, oder?" Ich erntete einen erstaunten Blick und die Frage: "Woher weißt du das?"

 

Ich wusste, es ist sein Hund. Kraftpacket und Sturkopf - es ist sein Hund und ich wusste, wenn ich einen Hund haben durfte, dann war es Buddy. Ein paar Wochen und Spaziergänge später haben wir ihn zu uns geholt. Es ist sein Hund. Und ich durfte eine Hundeseele retten.

Ein Wunsch ans Universum


"Danke, liebes Universum, dass du mir einen Hund zur rechten Zeit in mein Leben senden wirst."


Pearl
Ein Wunsch ans Universum

Ich wusste, dass ich irgendwann noch einen Hund retten möchte. Ich wusste, dass das Leben das schon schaukeln wird. Nur dachte ich nicht, dass das  so schnell gehen wird. 
Zu Beginn des Jahres bastelte ich an meinem Vision Board und schaute, ohne groß darüber nachzudenken, nach Hundebildern in Zeitschriften und im Internet. Die Farbe war egal, die Herkunft, ich habe irgendein Bild ausgewählt und schrieb den Wunsch auf die Rückseite des Bildes und befestigte es an meinem Vision Board und fertig war der Lack - würde ja sowieso noch eine Weile dauern, weil Arbeit, weil neue Wohnung, weil so viel zu tun, weil Ausbildung, weil Blog, weil keine Zeit, weil bin noch nicht so weit.
1. Kommt es immer anders.

2. Als man denkt.

Ich habe wohl die Rechnung ohne dem Leben gemacht. Man kann mich jetzt gut und gerne für verrückt erklären aber das Bild und der Wunsch existiert und mein Hund sieht tatsächlich so aus - sogar die Augenfarbe stimmt und ich schwöre, ich hatte dieses Bild vergessen, als ich mich für diesen Hund entschieden habe.

Anfang Mai plante ich mit meiner besten Freundin eine Reise nach Georgien. Auch hier entschieden wir uns wieder intuitiv für das Land. Wo waren wir noch nicht? Wo gibt es wenig Touristen? Und wo könnten wir ganz viel erleben? Ganz klar: Georgien. Gesagt getan, Flugtickets wurden gebucht.
Wir reisten durch die Gegend, entdeckten Städte, Berge, das Meer und ganz viele Straßenhund. Als wir in Mestia waren und durch den kleinen Ort liefen, kann ich mich noch an einen Hund erinnern, der bunt gescheckt, mit Schlappohren und einem gebrochenen Bein durch die Straßen humpelte und nach Futter suchte und ich dachte mir, wenn es mir in Deutschland in meiner Wohnung so gut geht, dann kann es doch nicht so schwer sein, diesen Hund zu nehmen und ihm ein schöneres Leben zu schenken. Im selben Moment kamen wieder Gedanken auf wie: das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, du bist soeben in eine neue Wohnung gezogen, du hast so viel zu tun, ein Hund kostet so viel Geld, du hast doch letztes Jahr schon einen Hund aus dem Tierheim geholt, jetzt gib dich doch zufrieden, du bist in Wittenberg ganz auf dich alleine gestellt. Aber der Gedanke machte es sich zunehmends in meinem Kopf gemütlich und lies mich nicht mehr los.
Wir fuhren mit dem Bus in die nächste Stadt und Kathi meinte, dass ich mit ihrem Freund reden solle, der einen Straßenhund aus Rumänien gerettet hat. Sie setzte sich auf unser Bett, mir huschte ein Gedanke nach dem nächsten durch den Kopf und Kathi googelte nach Organisationen. Ein paar Minuten später sagte sie zu mir: "Schau mal, ich habe eine Organisation gefunden, die "Seelen für Seelchen"  heißt. Ich schaute Kathi an und allein schon der Name der Organisation trieb mir die Tränen in meine Augen. Ich klickte auf die Website und scrollte durch die Hunde, die alle auf ein neues zu Hause hoffen. Die Texte sind herzzerreißend und Kathi und ich mussten die ganze Zeit mit den Tränen kämpfen. In Rumänien gibt es ein Tötungsgesetzt, dadurch können Straßenhunde einfach umgebracht werden, wenn sie zu lästig werden was keinesfalls die Lösung des Straßenhunde - Problems ist  und Seelen für Seelchen hilft dabei, Hunde nach Deutschland zu vermitteln.

Ich scrollte und scrollte und da waren so viele Hunde und am liebsten hätte ich alle gerettet aber irgendetwas fehlte. Ich drehte mich zu Kathi und meinte: "Kathi, ich brauche dieses Gefühl, weißt du?", dann scrollte ich eine Hündin weiter und da war es.

Straßenhunde aus Rumänien
Pearl - Seelen für Seelchen

Ich sah das Bild, sah in diese Hundeaugen, es durchfuhr meinen ganzen Körper, ich las den Text, Tränen rollten meine Wangen hinunter und ich wusste, das ist sie. Pearl - Perle. Ich habe mich Hals über Kopf in diese Hündin verliebt, ohne sie jemals zuvor in meinem Leben gesehen zu haben. Ich verliebe mich tatsächlich sehr, sehr selten. Ich konnte an nichts anderes mehr denken. Ich wusste nicht, woher dieses Gefühl kommt aber ich wusste, diese Hündin wurde mir soeben geschickt und sie gehört zu mir, ohne eine logische Erklärung für dieses Gefühl zu haben.

 

Der nächste Hundetransport sollte schon 3 Wochen später sein. Drei Wochen? Geht das nicht alles viel zu schnell? Kann ich mir das wirklich leisten? Kann ich mir das wirklich zutrauen? Immerhin hat diese Hündin noch nie zuvor eine Wohnung gesehen, mit Menschen zusammen gelebt und wird mit Sicherheit völlig verängstigt sein. Darf ich Hunde überhaupt in meiner Wohnung halten? Schaffe ich das alles? Aber tief im Inneren kannte ich die Antwort und die Antwort war: Ja!. Ich holte mir unzählige Meinungen ein und versuchte Gedanken zu sortieren. Dann erklärte ich zu guter Letzt einem guten Kumpel meine Situation und er meinte nur zu mir: "Vlada, just save the dog!" (Vlada, rette einfach den Hund!). 

mein Straßenhund aus Rumänien
Pearl

Und drei Wochen später kam ein zerzaustes, müffelndes, dreckiges, hechelndes aber überaus neugieriges und liebevolles, mittelgroßes Wollknäuel bei mir in der Wohnung an. Alles neu, alles unbekannt. Die erste sanfte Berührung, ein leises Jaulen in der Nacht, weil du deinen Bruder bestimmt ganz sehr vermisst hast. Neue Umgebung, neue Gerüche, Parkettboden, Türen, Fenster, meine Hände. Wir fangen ganz von Vorne an, alles neu - ich darf dir alles zeigen.

Über deinen Kopf streicheln verunsichert dich, lieber deine helle Brust. Du bist so sensibel, so zart, so unfassbar clever. Du bringst mir so viel bei. Du übst mich in Geduld, in Gelassenheit, in Ausdauer, in Verantwortung. Ich durfte dir so viel zeigen und lerne so viel von dir. Du wartest jeden Morgen voller Vorfreude darauf, dass ich endlich meine Augen öffne und du mich mit einem riesigen Lächeln in deinem Hundegesicht begrüßen kannst. Bei Gewitter verkriechst du dich unter das Bett. Wenn du schläfst, machst du die ungewöhnlichsten Geräusche und wenn du dich auf dein Kissen legst, grunzt du meist genüsslich. Wenn wir Besuch bekommen, darf er auf unserer Couch sitzen, aber wehe er wagt es sich in unserer Küche zu bedienen oder Möbel zu verrücken, dann schleichst du dich auf leisen Pfoten von hinten an, nimmst ganz vorsichtig ein Stück des Hosenbeins zwischen deine Zähne und zeigst dem Eindringling den Weg zur Couch. Du folgst mir von Beginn an auf Schritt und Tritt. Du bist so tapfer und lernst so schnell. Es hat drei Tage gedauert und du bist deine ersten Treppenstufen hinauf und wieder hinab gestiegen. 3 Monate später sieht es so aus, als hättest du nie etwas anderes in deinem Leben getan. Von Beginn an bist du an der Leine gelaufen, wie eine Eins - obwohl du es nie zuvor geübt hast. Nach 4 Tagen hast du auf dein erstes Kommando gehört und wir brauchen heute nicht einmal Leckerlis. Nicht einen einzigen Tag bereue ich, dass ich dich vor 3 Monaten zu mir nach Hause geholt habe, denn du bist nicht nur ein Hund für mich - du bist meine Seelengefährtin.

Eine Sekunde und eine Entscheidung

Kennt ihr diese Momente? Momente, in denen wir eine Entscheidung treffen. Eine Millisekunde und die Entscheidung ist gefallen und im Nachhinein fragt man sich: "Was habe ich mir nur dabei gedacht? Was ist mir in diesem Bruchteil einer Sekunde nur durch meinen Kopf gegangen und warum habe ich nicht an die Konsequenzen gedacht?" 

 

Es ist 9 Uhr morgens. Ich laufe durch das Einkaufzentrum, wollte mir einen Kaffee holen, obwohl ich keinen Kaffee mehr trinke (vielleicht war das der Fehler). Keine Kartenzahlung, ich brauche Kleingeld. Wir gehen zur Bank, ich halte Banknoten in meiner Hand. Ein Bäcker. Ganz kurz. Du siehst mich. Es dürfte eigentlich nichts passieren. Ein Aufsteller. Ich bin nur ein paar Meter von dir entfernt. Es dürfte nichts passieren. Warum denke ich das? Ich binde dich sonst nie irgendwo fest. Das würde mir nie im Traum einfallen. Dort fällt es mir ein. Ein Bruchteil einer Sekunde und der Aufsteller fällt mit einem lauten Krachen um und kracht gegen einen Transporter, du erschrickst dich und läufst davon. Ich drehe mich um und laufe dir hinterher. Du läufst und läufst, quer über den Marktplatz, über die Schnellstraße, über die Wiese immer weiter und weiter. Ich komme nicht hinterher. Ich sehe dich nicht mehr und dann bist du weg. Einen Bruchteil einer Sekunde und eine Entscheidung. Was habe ich mir nur dabei gedacht? Wie erstarrt stehe ich auf der Elbwiese und kann nicht glauben, dass mir das soeben passiert ist. Du bist weg. Dann laufe ich und laufe und laufe. Immer weiter. Ich rufe zahlreiche Menschen an. Ich weiß nicht, wo du bist. Mir wird schlecht. Es ist heiß. Ich laufe und laufe. Mir wird wieder schlecht. Was ist, wenn du nie wieder kommst? Du trägst deine Leine noch um deinen Hals. Was ist, wenn dir irgendetwas zustoßen wird? Ich bleibe stehen, ich versuche diesen Gedanken zu unterdrücken. Ich laufe weiter, mir wird schlecht. Ich bleibe stehen und Tränen rollen meine Wangen hinunter. "Was habe ich mir nur dabei gedacht? Warum ist mir das passiert? Bin ich von allen guten Geistern verlassen? Ich trinke nicht einmal mehr Alkohol und bin doch klar! Warum hat mein Gehirn ausgesetzt? Das kann doch nicht mein Ernst sein? Warum ist mir das soeben passiert?"

Ich laufe immer und immer weiter. Ich bitte um Hilfe und Menschen helfen mir suchen. Alle sagen, das du dich irgendwo versteckt haben musst, irgendwo, wo es ruhig ist und wo du die Umgebung kennst. Mein Bauchgefühl sagt mir etwas anderes. Trotzdem höre ich auf die Ratschläge. Ich laufe stundenlang bei 38 Grad über die Wiese und rufe deinen Namen. Ich laufe durch das Gebüsch, schaue im hohen Gras nach, rufe und rufe. Und oftmals sage ich ganz leise zu mir: "Bitte lieber Gott, ich weiß, ich habe nicht immer an dich geglaubt und ich weiß, dass ich vielleicht nicht immer alles richtig gemacht habe aber bitte, bitte lieber Gott kannst du machen, dass dir nichts passiert ist. Bitte, bitte, bitte!"  Wieder rollen Tränen über mein Gesicht. Mir ist heiß. Ich muss kurz nach Hause. Meine Beine sind vom hohen Gras ganz aufgeschürft. Ich betrete meine Wohnung und sehe dein Kissen. Ich muss schnell wieder raus. Ich trinke ganz viel Wasser, schaue in den Spiegel und bemerke, dass mein Gesicht völlig verbrannt ist. Egal, ich muss weiter. Ich laufe wieder auf die Wiese, obwohl mir mein Gefühl sagt, dass du Richtung Bahnhof gelaufen bist, obwohl das jeglicher Logik widerspricht. Wir posten in einer Facebook - Gruppe, dass du entlaufen bist. 
Ich mache mir Sorgen und fühle mich schlecht. Ich bin schon fast 30 km gelaufen. Ich brauche ein Zeichen. Bitte Leben, gib mir doch ein Zeichen. Das kann doch jetzt bitte nicht passiert sein. Dann ploppt ein Gedanke auf: ich bin Abhängig. Wenn du jetzt nicht wieder kommen solltest, dir irgendetwas zugestoßen ist und ich daran Schuld bin, würde ich dann trinken? Würde ich einen Rückfall riskieren? Eine Trennung ist spurlos an mir vorüber gegangen aber Tierliebe ist eine ganz andere Hausnummer. Würde ich deinen Verlust überstehen? Wieder rollen Tränen über mein Gesicht und ich rufe immer und immer wieder deinen Namen. Meine Beine tun weh, meine Haut brennt. Essen und Trinken wird mir auf die Wiese gebracht. 
Würde ich einen Rückfall riskieren? Ich denke an dich. Ich denke darüber nach, wie viel du mir nach diesen 3 Monaten bedeutest und ich entscheide mich für: Nein!. Das würdest du niemals für mich wollen und das ist nicht die Message dieser Situation. Selbst wenn ich dich verloren habe und ich daran Schuld bin, dann gibst es immer noch den Rest des Lebens und so schwer mir dieser Gedanke und diese Vorstellung auch fällt aber die Entscheidung ist, dass du dir das niemals für mich wünschen würdest und das solche Dinge zum Leben dazu gehören und ich und du versucht haben unser Bestes zu geben und das in einem Bruchteil einer Millisekunde manchmal eine Entscheidung getroffen wird, die im Nachhinein betrachtet nicht funktioniert hat.

Mittlerweile sind 8 - 9 Stunden vergangen. Mein Telefon klingelt und ich bekomme die Nachricht, dass du in der Nähe des Bahnhofgebäudes gesehen wurdest. Wie von einer Tarantel gestochen schwinge ich mich auf mein Fahrrad, welches ich mir in der Zwischenzeit geholt habe, um schneller die Wege abfahren zu können und fahre in Richtung Bahnhof. "Um zum Bahnhof zu gelangen, musst du wieder über Schnellstraßen !? Dort treffen so viele Straßen aufeinander. Bitte, bitte lass dir nichts passiert sein." 

Mein Exfreund versucht mich zu beruhigen und meint, dass, wenn du ein Straßenhund aus Bukarest bist, du sicherlich wissen wirst, wie man als Hund über Straßen läuft und irgendwie beruhig mich dieser Gedanke. Wieder gibt mein Handy einen Ton von sich. Die nächste Nachricht erreicht mich. Du wurdest in der Dresdner Straße gesehen. Ich kann es kaum glauben. Du läufst in Richtung zu Hause. Ein wenig später erreicht mich eine Nachricht, dass du in der Nähe der Berliner Straße gesehen wurdest und ein paar Minuten später schreibt mein Nachbar in die Gruppe, dass Anwohner dich vor unserer Haustür gesehen haben, dir Wasser gegeben haben aber du zu scheu warst, um dich an deinem Halsband festhalten zu können.

Ich glaube, ich bin noch nie so schnell Fahrrad gefahren, wie in diesem Moment. Ich brülle meinen Exfreund durch das Telefon an, dass er sofort mit dem Auto zu dir fahren soll. Ich fahre und fahre und trete in die Pedalen und sage die ganze Zeit: Bitte, bitte, bitte!
Ich stelle das Fahrrad ab, begegne völlig erschöpf meinen Nachbarn, verwechsle dich kurz mit einem anderen Hund, versuche nicht zu weinen. Mir wird gesagt, dass du ein Stück weiter gelaufen bist, ich renne den Weg hinunter und dann sehe ich dich. Tränen laufen meine Wange hinunter und ich sage laut: "Danke, danke, danke! Danke, lieber Gott!"  Ich laufe auf dich zu, du erkennst mich und das Einzige, was du tust, ist mir ein Hundelächeln schenken und dich zu freuen, dass du mich siehst.

Was ich von dir lernen darf:

Elbwiesen Lutherstadt Wittenberg
Hundepfoten im Sand
  • Geduld
  • Vertrauen
  • bedingungslose Liebe
  • Gelassenheit
  • Klarheit
  • Konsequenz
  • gute Laune am Morgen
  • auch Hunde sind nicht immer fotogen
  • Energie überträgt sich
  • mein Hund ist der Spiegel meiner Seele
  • ein Leben retten ist immer die richtige Entscheidung
  • Intuition is Key
  • Community is Key
  • das Universum macht das schon
  • Verantwortung
  • was es bedeutet, ein zu Hause zu haben

Und wisst ihr, was mir in Bezug auf Verantwortung eigentlich so richtig klar geworden ist. Meine Hündin hat nur mich. Ich habe mich für dieses unfassbar kostbare, schöne, intelligente Lebewesen entschieden und ihr  wertvolles Leben wurde mir in meine Hände gelegt. Ich ernähre sie, ich gebe ihr Liebe, ich gebe ihr Freiheit, ich schenke ihr ein besseres Leben und alles auf das sie seit der Entscheidung, sie zu mir zu holen bauen kann, bin ich. Und wenn wir dies einmal im Großen und Ganzen betrachten, tragen wir Menschen, eben weil wir so viel Entscheidungsfreiheit und so viel "Macht" haben, so eine unfassbar große Verantwortung dem Leben, den Lebenwesen, den Tieren, der Pflanzen, unserer Welt gegenüber und wir dürfen dem Gedanken, dass wir keinen Einfluss haben, dass wir nichts ändern können, dass wir die Welt nicht besser machen können, in dem wir beginnen unsere eigene kleine Welt ein Stück weit besser zu machen - wir dürfen diesem Gedanken keinen Raum mehr geben denn:

Es braucht menschen wie dich!

Straßenhunde Rumänien
Alex - Seelen für Seelchen

Es gibt da noch etwas, was ich Pearli versprochen habe, als ich mich dazu entschlossen habe, sie aus dem Shelter zu holen. Ich habe ihr versprochen, dass ich alles daran setzen werde, ihren Bruder Alex dort raus zu holen. Ich hätte sie so gerne beide geholt, damit der schüchterne Rüde nicht alleine zurück bleiben muss und seine etwas mutigere Schwester vermissen muss. Ich hätte es sofort gemacht, hätte ich eine größere Wohnung, einen Hof, die Zeit und die Kapazität aber das ist momentan wirklich nicht machbar. Aber ich habe ihr versprochen, dass ich helfen werde, auch ihm ein schöneres Leben zu ermöglichen. Ich sehe meine Blog - Statistik und ich sehe meine monatlichen Klickzahlen und ich schicke hiermit den Wunsch an das Universum raus, dass bei ca. 2000 Besuchern pro Monat eine Menschenseele dabei sein wird, die es fühlt. Die in diese kostbaren Hundeaugen schaut und ein "Lebensruck" durch den Körper zuckt und das Bauchgefühl sagt: Ja!. Ein Tier ist ein unfassbar kostbares Geschenk, einen Straßenhund zu sich zu holen ist tatsächlich eine andere Hausnummer, als einen Welpen beim Züchter zu kaufen und ihn von Anfang an in der Familie groß zu ziehen. Es geht darum, es zu fühlen und dann die volle Verantwortung zu übernehmen. Ein paar Mal wurde ich schon gefragt, warum ich denn einen Straßenhund aus Rumänien geholt habe, wenn es doch in Deutschland auch so viele Hunde gibt, die Hilfe brauchen. Ich antworte von nun an:

 

1. Ich habe einen Hund aus einem deutschen Tierheim geholt.

2. Das ist einzig und allein meine Entscheidung, weil es mein Leben ist.

3. Was rettest du?

 

Und falls du Alex nicht fühlen solltest, dann würden Pearli und ich uns dennoch freuen, wenn du diesen Beitrag teilst und dem Leben damit verhilfst, eine schöne Hundeseele wieder glücklich zu machen!

Mein Straßenhund aus Rumänien
Pearl und ich am Strand

Wenn du es fühlen solltest, dann kannst du dich sehr, sehr gerne an uns oder direkt an

Seelen für Seelchen e.V. wenden.

Danke <3


Und falls Du Alex zwar fühlst, aber ihn momentan nicht zu Dir nach Hause holen kannst,

dann freuen sich die Fellnasen mit Sicherheit über eine kleine Spende!


oder the good old way:

SPENDENKONTO:
Empfänger: Seelen für Seelchen e.V.

IBAN: DE39256501060036302289
BIC-/SWIFT-CODE: NOLADE21NIB 

Spenden für Seelen für Seelchen e.V.
Danke für die Spende

photo credits: privat // Seelen für Seelchen e.V.

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