· 

Vom Modelscout zum Streetworker

Sinnfrage?!

Der Sinn des Lebens? Wie oft habe ich schon darüber nachgedacht. Wie viele Stunden saß ich wohl schon auf meinem Bett und habe mir durch den Kopf gehen lassen, was das Ganze hier wohl soll. Warum ich auf der Welt bin, was mein Auftrag hier ist und warum das Leben manchmal so sinnfrei erscheint, um im darauffolgenden Momenten wieder kunterbunt um die Ecke zu stürmen.

 

Manchmal ergab es Sinn, ein anderes Mal etwas weniger. Den Sinn geben wir dem Ganzen selbst. Das ist zumindest meine Schlussfolgerung und legt mir die Entscheidungsfreiheit in meine Hand und entkräftet damit so manchen verstaubten Glaubenssatz.

 

In beruflichen Angelegenheit war ich immer eher entscheidungsunfreudig, ich wusste nicht so recht, wohin es gehen soll, beziehungsweise hat das Herz immer etwas anderes gesagt, als der Verstand.

Der Verstand wollte Sicherheit, etwas handfestes und das Herz wollte singen. Also waren die Beiden ziemlich lange in den unterschiedlichsten Richtungen unterwegs.

Ich habe Wirtschaft studiert, weil es vernünftig war und bin dann nach Paris gegangen, um als Au Pair zu arbeiten, damit ich mich nicht weiter mit der Wirtschaft beschäftigen muss. So holperte ich durch die Gegend und probierte zahlreiche Dinge aus.

Berlin und die Modelwelt

Hängen geblieben bin ich dann in der Modebranche in Berlin. Irgendwie hatte mich die Modewelt fasziniert. Ich wollte Teil davon sein, dazu gehören. Fresh & Funky. Tatsächlich kann ich in solchen Dinge auch echt hartnäckig sein. Ich habe jede Sinnkrise, jede berufliche Neuorientierung, jeden bevorstehenden Bewerbungsprozess dazu genutzt, um auch eine Bewerbung an eine Modelagentur (also mehrere, an mehrere Agenturen – versteht sich) zu schreiben. Ich weiß tatsächlich nicht, wie viele Bewerbungen ich alle 1-2 Jahre geschrieben habe, aber ich wollte Modelbookerin werden. Und? Es hat funktioniert. Irgendwann hatte ich den Job (und vielleicht auch den Salat).

'Jetzt war ich Teil dieser welt. jetzt habe ich es geschafft!'

Von Glitzer und Glamour, tausenden Telefonaten, Vernissagen, Catwalks und all dem Kram war erst einmal nichts zu spüren. Ok, kommt vielleicht noch – dachte ich mir.

Ich nahm in Kauf für mehr Stunden, weniger Urlaubstagen und weniger Geld, meinen 'Traum' zu leben – YAY! Los freu' dich jetzt, du wolltest es doch schließlich so!

Ok, ich will das jetzt natürlich nicht alles madig reden. Das Ganze hatte auch seine positiven Seiten. Freundschaften, die bis heute halten, sind dabei heraus gesprungen und ich habe an manchen Arbeitstagen Tränen gelacht.

 

Doch jedes Mal, wenn ich alleine unterwegs war, um Gesichter zu suchen, jedes Mal, wenn ich Maße genommen habe und erklärte, was gewünscht sei und welches Körperteil definierter werden sollte, fragte ich mich: "Und wozu? Warum mache ich das und wozu dient das Ganze? Das soll jetzt also alles sein?"

 

Ich klammerte mich an den Traum und an die Vorstellung, dass ich den Beruf gewählt habe, der zu mir passt. Das sagte mir zumindest mein Verstand. Und um nicht weiter darüber nachfühlen zu müssen, nahm ich eine Party nach der anderen mit und nur sehr wenige Menschen bekamen mit, wie es in mir drin aussah. Ich stolperte weiterhin von Job zu Job und von Agentur zu Agentur, hangelte mich von Partywochenende zu Partywochenende, bis mein Körper nicht mehr konnte. Bis selbst der Verstand gesagt hat, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt.

Der Vorteil einer Krise

Der Sinn des Lebens
Lebensträume

Das positive an einer Krise ist, dass dir dann tatsächlich die Zeit gegeben wird, einmal neu zu sortieren. Besser gesagt, du darfst dir die Zeit nehmen. Du kannst dann quasi auf Reset drücken und neu wählen (das könntest du auch ohne Krise – aber leider braucht der Mensch diese manchmal, um zu begreifen, dass der Weg zu holprig ist). Also nahm ich mir die Zeit und ging jeden Lebensbereich durch, auch den beruflichen. Etwas mit Tiefe sollte es sein, etwas mit Menschen und etwas, wobei ich unterstützen kann.

Das Großartige an Neuorientierungen ist, dass dann manchmal Dinge passieren, die man zuvor gar nicht für möglich gehalten hat.

Ich bekam also ein Angebot als Streetworkerin zu arbeiten, einfach so. Und sagte ja. Dabei kommen mir sogar meine Erfahrungen der letzten Zeit zugute, da ich offen darüber gesprochen habe, wie mein letztes Jahr abgelaufen ist. Ich saß da und dachte nur: 'Wow! Das Leben ist echt für mich!' Es ist tatsächlich wie bei allen Dingen, den ersten Schritt musst du eben gehen und dann öffnen sich unverhofft Türen. Und durch diese Tür gehe ich jetzt einfach mal.

 

Ich weiß noch nicht, was auf mich zukommen wird, ich weiß nur, dass ich mit Jugendlichen arbeiten werde und diesmal nicht, um sie nach ihrem Äußeren zu bewerten, sondern um zu helfen.

Ich bin gespannt und werde hier bestimmt ab und an ein wenig davon berichten. Morgen ist der erste Tag und wie es vor dem ersten Arbeitstag so ist, ich bin ein wenig aufgeregt.

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Monique B. (Sonntag, 13 Januar 2019 21:34)

    Liebe Vlada,

    ich wollte dir einfach mal sagen, dass das, was du alles machst, wie du dich wandelst, meinem höchsten Respekt hat! Du bist so menschlich! Du schreibst wundervoll! Danke, das du dein Projekt hier ins Leben gerufen hast! Ich hoffe noch viel von dir und deinem Leben zu lesen.

    Liebste Grüße, Monique