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Warum ich keine Alkoholikerin (mehr) bin

Zwei Hunde und Mensch auf Couch
Warum ich keine Alkoholikerin (mehr) bin

Ich bin frei von Suchtmitteln. Naja, fast. Jeden zweiten Tag könnte ich eine ganze Packung vegan Eiscreme verdrücken. Mit Schokosoße. Ganz viel. Das mache ich dann auch, wenn mir danach ist. Also bin ich jeden zweiten Tag vegane Eiscremen.

 

"Hi, ich bin Vlada und ich bin Alkoholikerin." Diesen Satz zu sagen hat sich für mich irgendwie noch nie so ganz stimmig angefühlt. Ich habe kein Problem damit zuzugeben, dass ich ein Problem mit Alkohol und anderen Drogen hatte. Ich habe auch kein Problem damit darüber zu reden, dass ich Drogen im Allgemeinen nicht kontrollieren kann und ich habe erst recht kein Problem damit zu erklären, warum ich mich dazu entschieden habe, es auch nicht länger zu probieren. Das wäre nämlich kein fairer Deal gewesen.

"Learning by shocking"

So hat es mein damaliger Professor in der Rechtsvorlesung immer genannt, als er unfassbar abschreckende Beispiele vortrug und wir ihn nur beschämt und fassungslos anstarrten.

 

Ich sehe nich aus wie eine trockene Alkoholikerin. (Wie sieht eine trockene Alkoholikerin eigentlich aus?). Generell denke ich, dass sehr, sehr wenige Menschen in meinem Umfeld gedacht haben, dass ich ein Problem mit Alkohol und Drogen haben könnte. Außerdem denke ich, dass sehr, sehr wenige Menschen, die Drogen nicht kontrollieren können, so aussehen, als könnten sie Drogen nicht kontrollieren. (Wer kann das schon?).

 

Als ich noch konsumiert habe, habe ich nichtsdestotrotz immer noch in irgendeiner Hinsicht ein "normales" Leben geführt (Ich frage mich, was "normales" Leben eigentlich bedeutet soll - vor allem in Berlin?).

 

Wenn mich heute jemand fragt, warum ich keinen Alkohol mehr trinke und mir immer und immer wieder ein alkoholisches Getränk anbietet (was unfassbar selten der Fall ist), dann platzt es einfach so aus mir heraus: Ich bin Alkoholikerin. Trockengelegt. Mit dieser Aussage kommt die Situation zum Erliegen. Ich ernte verwirrte Blicke, stockenden Atem und Schweigen. Dann brauche ich mich wenigstens nicht weiter zu erklären. Ich war schon immer so. Ich kann die Worte, die aus meinem Mund kommen manchmal nicht genügend kontrollieren. Dann hören sich selbst Komplimente manchmal an wie kleine Beleidigungen. 
Aber immerhin komme ich dann nicht in die Verlegenheit mich weiterhin erklären zu müssen. Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn eine Person zu mir sagt, dass ich doch wenigstens einen Drink nehmen könnte. "Ein Drink schadet doch nicht! Komm' schon." Ich glaube ich würde sagen, dass ich 5 Mann ohne Probleme unter einen Tisch trinken könnte, dass ich da alles andere als stolz darauf bin, aber das wir dann mit Sicherheit beide keinen Spaß mehr hätten.

Trockene Alkoholikerin

Ich nutze die Worte "trockene Alkoholikerin" eigentlich nur, um das gesellschaftliche Bild zu entzerren, welches sich selbst einmal in meinem Kopf hatte. Ich dachte Menschen, die von Substanzen abhängig sind, erkennt man auf einen Blick. Aber das ist alles andere als wahr. Menschen, die von Substanzen abhängig sind sehe aus wie du und ich. Das sind nämlich stinknormale Menschen. Wir sind nicht anders, als andere. Uns erkennt man nicht an einem Stempel, den wir auf unserer Stirn tragen. Und ich wette mit dir, dass wir ziemlich erstaunt wären, wieviele Menschen sich melden würden, wenn wir die Frage stellten, wie viele von uns sich irgendwann in ihrem Leben schon einmal die Frage gestellt haben, ob sie eventuell zu viel Alkohol trinken, beziehungsweise ob ihr Alkoholkonsum zum Problem werden könnte.

wenn ich trockene Alkoholikerin bin, bin ich dann auch nichtpaffende raucherin?

Oder unverballerte Kokainerin? Ecstasykonsumentin, die nicht mehr auf Sendung ist? Was ist der Unterschied zwischen Alkohol, Nikotin, Kokain und Ecstasy? Im Großen und Ganzen betrachtet sind das alles Substanzen, von denen wir über kurz oder lang abhängig werden können. Wir müssen es nur darauf anlegen. Wenn ich diese Substanzen über einen längeren Zeitraum immer und immer wieder konsumiere, werde ich irgendwann in gewisser Art und Weise abhängig (trust me - ich habe es ausprobiert). Alkohol zu Beginn ab und an mal, dann nur am Wochenende, dann alle 3 Tage, irgendwann jeden Tag und zu guter Letzt den ganzen Tag. Von dem anderen Zeug bin ich auch abhängig geworden, obwohl ich es nur am Wochenende konsumiert habe. Ich wollte, dass es Schallert, damit ich meinen "Spaß" haben konnte.

 

Ich bin mir ziemlich sicher, dass niemand auf die grandiose Idee kommen würde (vorausgesetzt er kennt meine Vorgeschichte) mir eine Line Koks anzubieten oder ein Halbes Teil - einfach nur so. Und am besten dann noch zu mir sagt: "Komm' schon! Das schadet dir nicht. Du hast zwar ein bisschen übertrieben, aber so schlimm war es doch auch wieder nicht. Nur'n bisschen. Jetzt hab' dich nicht so!"

Ich glaube auch nicht, dass ich jemals in die Situationen kommen werde, dass mir eine Person immer und immer wieder eine Zigarette anbieten würde, sobald ich sage, dass ich aufgehört habe zu rauchen. "Los komm! Gegen eine Kippe hat doch niemand etwas. Die kurbelt deinen Kreislauf an und ist richtig, richtig gut zum Entspannen. Jetzt hab' dich nicht so! Eine Kippe hat doch noch niemanden umgebracht." Das klingt völlig absurd, stimmt's? Und warum sind wir dann der Meinung, dass Alkohol einen Unterschied macht?

Alkohol in unserer Gesellschaft
Straße, Frauen, Drugstore

Alkohol ist die einzige Droge in unserer Gesellschaft, bei der du als willensschwach abgestempelt und latent bemitleidet wirst, sobald du zugibst, dass du sie nicht kontrollieren kannst. Wir bemitleiden Menschen, die eine Droge nicht kontrollieren können und aufhören diese zu konsumieren und bezeichnen sie daraufhin als „stillgelegter Drogenjunkie“. Wir zeigen mit dem Finger auf sie und sind froh, dass es uns nicht erwischt hat. Wir können weiter machen und sind noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Uns kann das schließlich nicht passieren, denn wir sind ja nicht so wie die.

 

Vor einigen Wochen saß ich morgens in Berlin an einer U-Bahn-Station, weil ich zum Hauptbahnhof wollte. Es war Wochenende und die üblichen Partypeople waren (noch) unterwegs. Ich stand am Gleis und beobachtete die Menschen. Ich war nüchtern, ohne Kater. Fresh & Funky. Mir ging es körperlich und geistig unfassbar gut und das, obwohl es früh am Morgen an einem Wochenende war. Ich schaute zu den Partypeople rüber. Sie lachten und torkelten und lallten und man sah ihnen an, dass sie nicht mehr ganz Herr ihrer Sinne waren. Und ich dachte mir: "Ich soll nun diejenige sein, die ein Label zu tragen hat?" Wenn ich mich so betrachte und dann die Partypeople ein paar Meter von mir entfernt, dann ist das doch eine ganz schön verkehrte Welt. Was sind sie dann? Lallend und torkelnd haben sie kein Problem, so lange sie nicht zugeben, dass sie eine Droge nicht kontrollieren können. Dann sind sie nämlich abgestempelt.

 

Ich bin keine Alkoholikerin mehr. Auch nicht trocken. Ich bin ich. Ich kann Alkohol nicht kontrollieren. Genauso wenig kann ich Ecstasy, MDMA, Speed, Kokain, Ketamin, THC und all den anderem Kram kontrollieren. Seit ich mir das eingestanden habe und darauf verzichte, geht es mir besser als jemals zuvor in meinem Leben. Manchmal frage ich mich, ob das die "Pink Cloud" ist, von der so viele reden. Ich kenne sie nicht, oder ich kenne sie schon seit mehr als zwei Jahren. Sie nimmt kein Ende. Nicht, dass jeder Tag gleich ist, aber ich glaube, ich habe mein natürliches High entdeckt. Mit Kräutertee, veganer Eiscreme und Hund im Bett geht es mir besser als jemals zuvor.

 

Was wir vergessen ist, dass zwischen völlig abgefucked und einem Glas ganz viele andere Dinge sind. Zwischen Schwarz und Weiß gibt es die unterschiedlichsten Graustufen. Zwischen einem Glas und völligem Kontrollverliust gibt es ein breites Spektrum an Trinkern. Wäre es denn nicht logischer die Personen als Trinker*innen oder Alkoholiker*innen zu bezeichnen, die eben trinken?

 

Es geht mir nicht darum, eine Krankheit zu leugnen. Das ist absolut nicht der Punkt, auf den ich es hier bringen möchte. Es ist und war wichtig, Abhängigkeit und einen Alkoholkonsum, den man nicht steuern kann und der einem immensen Schaden zufügt, als eine Krankheit anzuerkennen, damit wir, denen die Kontrolle einer abhängig machenden Substanz nicht möglich ist, nicht als schwach und willenlos dargestellt werden. Auf der anderen Seite hat mir persönlich die Prognose eines chronischen Verlaufs einer Krankheit, die ich nie wieder in meinem Leben los werde, nicht gefallen und nicht geholfen. Es hat sich nicht stimmig für mich angefühlt. Würde ich mich als für immer chronisch krank ansehen, dann hätte ich keine Wahl mehr, denn ich hätte keine Chance gesund zu werden und dann würde ich mich klein und machtlos fühlen, aber das möchte ich nicht, denn das hilft mir nicht. Mir hat es geholfen eine Entscheidung zu treffen, denn ich wollte das Leben so, wie ich es geführt habe, nicht mehr führen, denn es hat mich nicht mehr glücklich gemacht. Also habe ich die Entscheidung getroffen, dass ich etwas ändern muss, damit sich mein Leben ändert. Ich musste eine andere Entscheidung treffen und mich diesmal für mich entscheiden. Also lag es letztendlich in meiner Hand diese Entscheidung für mich zu treffen und mein Leben zu ändern. Hätte ich mein Problem anerkannt und im selben Zuge anerkannt, dass ich für immer krank sein werde, dann hätte ich überhaupt keine Motivation gehabt mein Problem zu lösen, denn dann wäre ja meine Lösung die Krankheit gewesen, aber ich will nicht krank sein. Ich bezeichne mich als gesund. Ich würde wieder krank werden, wenn ich wieder damit beginnen würde abhängig machende Substanzen zu konsumieren und ich bin der Meinung, dass es jeden Menschen auf die ein oder andere Weise krank macht, wenn er oder sie immer und immer wieder abhängig machende Substanzen über einen längeren Zeitraum konsumiert. Wie ich in meinem Beitrag "Bin ich Alkoholiker*in" schon beschrieben habe ist körperliche und psychische Abhängigkeit das Ende vom Lied, aber es gibt unzählige Abstufungen und eine Frage, die wir uns stellen müssen ist, wann fängt "krank" an und wann hört "krank" auf? 

Es ist doch komisch, dass wir eine Person als krank bezeichnen, die ihr Problem erkannt hat und dabei ist ihr Problem zu lösen, indem sie sich dazu entschließt nüchtern zu leben. Nüchtern = Alkoholkrank funktioniert aber in meinem Kopf irgendwie nicht ganz. Nichtrauchend = Nikotinkrank, Nichtkoksend = Kokskrank?

Freiheit

Ich habe früher Substanzen mit Freiheit verwechselt. Ich dachte, dass ich frei sei. Ich war so frei in Bars zu gehen und dort eine Kippe nach der nächsten zu rauchen und mir einen Wein nach dem nächsten hinter die Binde zu kippen. Ich war so frei stundenlang mit Telleraugen in einem Club abzuzappeln und gegebenenfalls einen Mann mit nach Hause zu nehmen, am nächsten Morgen mit einem dumpfen Gefühl in der Herzgegend aufzuwachen und mir insgeheim vorzulügen, dass ich ja so frei bin und mein Bewusstsein erweitere. Bindungslos und zugedröhnt - wo steckt hier die Freiheit? Inwiefern macht mich Alkohol frei, wenn ich ihn dazu brauche den nötigen Mut aufzubringen, um eine andere Person anzusprechen, zu tanzen oder zu entspannen? Inwiefern macht es mich frei, wenn ich Telleraugen dazu benötige, dass ich Crew - Love im Club spüre, der Illusion der Verbundenheit hinterherjage und ein paar Stunden später in meinem Bett liege, der Downer um die Ecke kommt und ich am liebsten vor lauter "Highsein" heulen würde. Mein ganzer Körper zuckt und da Substanzen noch in meiner Blutbahn herum schwimmen, ich nicht einmal die Möglichkeit dazu habe, loszuheulen. Ist das Freiheit?

 

Heute, ohne Alkohol, ohne Drogen, ohne fremden Männern in meinem Bett, ohne Telleraugen auf Tanzflächen, ohne Kippen rauchend in einer Bar -  mit einer einzigen Entscheidung, die ich für mich getroffen habe und die meinem Leben im positivem Sinne auf den Kopf gestellt hat, weil diese mein Leben und die Einstellung zu mir selbst grundsätzlich geändert hat -  fühle ich mich freier, als jemals zuvor.

photo credits: Tatiana Firsova,  Vinicius Amano // unsplash

ressourcen: Holly Whitaker (hipsobriety), Allen Carr (The easy way to control alcohol), Podcastinterview mit Nathalie Stüben (Ohne Alkohol mit Nathalie)

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