· 

Bin ich Alkoholiker*in?

Und wie viel muss ich trinken, um eine*r zu sein?

Bin ich Alkoholiker*in
Frau auf einer Bank

Ich glaube mit Mitte 20 habe ich die in der Überschrift stehende Frage zum ersten Mal in eine Suchmaschine eingegeben. Ich saß vor meinem Rechner und tippte die Buchstaben ein, zudem alle anderen möglichen psychischen Störungen die man sonst noch so haben könnte, um mein damaliges Verhalten und meine damaligen Gefühle zu erklären und mir im selben Zuge nicht das Alki - Label aufdrücken lassen zu müssen. Ich wollte den Eisberg umschiffen, kam aber nicht auf die Idee, dass Steuer herumzureißen. Ich wollte keine Alkoholikerin sein. Niemals! Komme was wolle! Alkoholiker haben ihr Leben nicht mehr im Griff und sehen noch dazu verlottert aus. Ich sehe aber nicht verlottert aus und hatte (zumindest damals noch) mein Leben im Griff. Also passte das Bild eines Alkoholikers, welches ich damals in meinem Kopf mit mir umher trug nicht zu dem Erscheinungsbild welches ich an den Tag legte. Ich stand jeden Morgen auf, ging zur Uni oder zur Arbeit, benutze Parfüm, schminkte mich, hatte Freunde und Familie und sah alles andere als so aus wie der Alkoholiker auf meinem inneren Bild.

 

Alle Jahre wieder machte ich einen Test im Internet, um mir zu beweisen, dass ich keine Alkoholikerin bin. Wir suchen mal:

Ich nehme den erstbesten Test und fülle ihn so aus, wie ich ihn hätte damals ausgefüllt (ich gebe zu zu trinken, aber ich plane nicht damit aufzuhören). Der Test ergibt, dass ich durchaus zu viel trinke und auf dem besten Wege bin ein*e Alkoholiker*in zu werden aber das heißt ja noch lange nicht, dass ich eine*r bin. Sehr gut!

Nehmen wir den zweiten Test. Das Testergebnis sagt, dass ich im kritischen Bereich liege und das die Gefahr einer Alkoholabhängigkeit nicht auszuschließen ist. Zudem heißt es, dass eine Veränderung meines Alkoholkonsums Sinn machen würde. (- Ach nee!!) Auch das heißt ja aber noch lange nicht, dass ich Alkoholiker*in bin. Ich habe es somit noch nicht schwarz auf weiß und kann die Kurve ja noch rechtzeitig kratzen. Und andere trinken ja auch so viel wie ich und eigentlich war es auch total sinnlos diesen Test zu machen, denn ich habe eigentlich gar kein Problem. - So oder so ähnlich dachte ich früher.

Du stellst die falsche Frage.

Ob Du Alkoholiker bist oder nicht tut doch letztendlich überhaupt nichts zur Sache. Wir wollen doch mit so einem Test lediglich den Stempel auf unserer Stirn umschiffen, der da heißen würde: Looser. Big Time!  Wir haben Angst vor diesem Label und tun alles dafür, um uns in die eigene Tasche zu lügen, damit wir uns das Label nicht selbst aufdrücken müssen und uns eingestehen müssten, dass wir die Kontrolle über eine Droge verloren haben. (Randnotiz: Können wir Drogen überhaupt kontrollieren?) Und letztendlich ist der schlimmste Ausgang die Diagnose: Alkoholkrankheit. Aber zwischen nüchtern und alkoholkrank liegen unzählige Facetten. Wir versuchen quasi auf der Alkwelle zu schwimmen, ohne jemals das Ende zu erreichen. Aber da wären wir wieder bei der Randnotiz: Können wir eine Droge überhaupt kontrollieren? Wenn ich beispielsweise bei einem Glas Wein bleibe, dann bin ich womöglich noch Herr meiner Lage (kommt ganz auf meine körperliche Verfassung und Toleranz an) aber nach mehr als einem Glas Wein und wohligem Beschwipst sein, welches oftmals in Trunkenheit endet, kann nicht davon ausgegangen werden, dass wir den Alkohol und uns unter Kontrolle haben. Und jedes Mal  wenn wir an- oder betrunken sind haben wir uns nicht mehr unter Kontrolle - zumindest nicht so gut wie nüchtern. Und wenn ich ein Verhalten immer und immer wiederhole und eine abhängig machende Substanz immer und immer wieder konsumiere, was ist dann das logische Ende dieser Geschichte? Genau: die Wahrscheinlichkeit steigt exorbitant, dass ich abhängig werde. Randnotiz: Auch wenn ich jeden Abend eine Flasche Bier trinken würde (ohne körperliche Abhängigkeitssymptome), ist die Wahrscheinlichkeit dennoch hoch, dass ich abhängig bin (zumindest psychisch) und das ist keine erfreuliche Nachricht.

 

Also gibt es die unterschiedlichsten Facetten zwischen nüchtern und alkoholkrank. Und viele von uns schwimmen irgendwo dazwischen und stellen sich irgendwann einmal die Frage, ob sie denn schon das Label Alki "verdienen". Das Ding ist, dass das nichts zur Sache tut. Die Frage, die wir uns stellen müssen (und da ist wieder Holly Glenn Withaker eine Vorreiterin) ist: Stellt dir Alkohol immer wieder ein Bein? Kommt Dir Alkohol immer wieder in die Quere und hindert dich daran, Dein Leben in vollen Zügen zu genießen? Fühlst Du dich wegen Alkohol oftmals "Bäh" und hast ein schlechtes Gewissen? Und es geht nicht darum, ob dir eine andere Person oder irgendein Test Dir ein Label aufdrückt und sagt, dass Du ein Problem hast. Wenn Du das Gefühl hast, dass du zu viel trinkst und weniger solltest und wenn Du dich an deinen Rechner setzt und die Frage eingibst, ab wann man ein*e Alkoholiker*in ist, dann kann ich dir sagen, dass Dir Alkohol mit hoher Wahrscheinlichkeit immer wieder in die Quere kommt, denn sonst würdest Du dir diese Frage nicht stellen. Und es ist doch scheiß egal, ob du ein Alkoholiker bist oder nicht, denn wenn Du das Gefühl hast, dass Du zu viel trinkst und weniger solltest, dann trinkst Du höchstwahrscheinlich zu viel und solltest weniger. Und dann kommt es schlicht und ergreifend überhaupt nicht darauf an ob du ein Alkoholiker bist oder wie viel andere Menschen trinken oder nicht und ob Dir irgendjemand sagt, dass du ein Problem hast oder nicht. Wenn Du das Gefühl hast, dass du ein Problem hast, dann - wait for it -  hast Du höchstwahrscheinlich ein Problem. Und das ist OK. Denn Probleme sind dazu da, um gelöst zu werden und es ist keine Schande sich einzugestehen, dass man die Kontrolle über eine Droge verloren hat, denn wir können Drogen nicht kontrollieren. Wenn wir uns die Statistiken anschauen, dann sprechen die Zahlen für sich, nur denken wir immer noch in Labels und meinen dass Menschen, die ein Problem mit Alkohol haben schwach sind und ihr Leben nicht mehr unter Kontrolle haben. Aber das ist erst der allerletzte Ton der Tonleiter. Ich hatte schon ein Problem, bevor ich die Diagnose bekommen habe. Schon Jahre davor saß ich vor meinem Rechner und tippte die Worte: Bin ich ein*e Alkoholiker*in? in die Maske der Suchmaschine und wartete auf das Ergebnis. Und eigentlich wusste ich in diesem Moment schon, dass ich ein Problem mit Alkohol habe.

Kommt Dir Alkohol in die Quere?

Leben dein Leben.
Graffiti auf Wand

Ich fühlte mich jahrelang nicht wohl in meiner Haut und dachte, dass das eben so ist. Ich hatte zwar die "leise" Vermutung, dass dies mit meinem Alkoholkonsum in Verbindung stehen könnte aber die Angst davor, ein nüchternes Leben führen zu müssen war damals noch viel zu groß. Es schien mir schier unmöglich. Also trottete ich so durch mein Leben. Es war nicht so, dass ich nichts auf die Reihe bekommen habe und schwer depressiv war. Die Stimmung wechselte Phasenweise aber fast täglich wachte ich mit diesem "Bäh"  - Gefühl auf und um dies wieder los zu werden, trank ich dann am Abend wieder, weil ich der Illusion hinterher lief, dass Alkohol die Lösung dieses Problems sei. Nur um am nächsten Morgen wieder festzustellen, dass ich mich immer noch oder schon wieder "Bäh" fühle. Ich hatte oft ein schlechtes Gewissen und ich wusste, dass der Alkohol meinem Körper und vor allem meinem Hirn nicht gut tut aber ich wollte die Illusion festhalten und weiterhin Teil dieser Blase sein. Oftmals plagten mich Selbstzweifel, diffuse und latente Ängste und eine gewisse Melancholie. Alkohol machte alles für einen Moment gefühlt irgendwie besser. Aber nichtsdestotrotz traute ich mir viel zu wenig zu und lebte ein Leben, was nach außen hin sicherlich ziemlich cool erschien aber innerlich war ich leer, da ich mir selbst nie getraut habe mir bewusst die Frage zu stellen, was ich mir denn eigentlich in meinem Leben wünsche. Damals hätte ich mir niemals getraut einen eigenen Blog ins Leben zu rufen. Ich hätte hundert Argumente gefunden, warum mir das nicht zusteht und warum ich das nicht kann. Ich hätte mir nicht getraut zu zeichnen und die Bilder der Öffentlichkeit zu zeigen, obwohl mir das so viel Spaß macht. Mir macht das Schreiben Spaß und mir macht das Zeichnen Spaß. Auch das Singen macht mir Spaß. Und auf meinem Rechner ist ein Manuskript abgespeichert, welches ich an Literaturagenturen geschickt habe und ich werde schauen, was passiert. All das hätte ich mir, als ich noch getrunken habe, niemals getraut, weil ich dachte, dass ich nicht gut genug sei, weil ich Angst vor der Bewertung anderer Menschen hatte und mich stets so unfassbar klein gefühlt habe. Ich dachte immer, anderen steht das alles zu, nur mir nicht und ich dachte auch, dass es immer so bleiben wird. Bis ich irgendwann den vorletzten Ton der Tonleiter erreichte und ich mir eingestehen musste, dass ich ein Problem mit Alkohol habe - unabhängig davon, ob ich nun Alkoholikerin bin oder nicht. Aber irgendwann kam mir Alkohol so sehr in die Quere, dass ich gefühlt den Boden unter meinen Füßen verloren habe und das war im Nachhinein betrachtet der Moment, der alles veränderte.

 

Als ich aufgehört habe zu trinken und Drogen zu konsumieren, habe ich mich für mich und mein Leben entschieden. Die Tragweite meiner Entscheidung war mir in diesem Moment noch gar nicht bewusst. Als ich aufgehört habe zu trinken, verschwand nach einigen Wochen dieses tägliche "Bäh" - Gefühl und es kam nie wieder. Als ich aufgehört habe zu trinken, habe ich aufgehört mich selbst zu bemitleiden und habe aufgehört mich als kleines, verlorenes Mädchen zu sehen. Als ich aufgehört habe zu trinken, konnte ich ganz nüchtern mein Leben betrachten und konnte mit klarem Kopf beginnen Ordnung zu schaffen. Als ich aufgehört habe zu trinken, habe ich mir zugetraut wieder zu träumen und die Frage zu stellen, was ich denn eigentlich in meinem Leben liebe und womit ich meine Zeit verbringen möchte. Als ich aufgehört habe zu trinken, verschwand die diffuse Angst und die depressiven Verstimmungen. Mein Körper veränderte sich, mein Gesicht wurde schmaler, meine Leber nahm wieder eine normale Größe an, mein Geist war wieder wach. Als ich aufgehört habe zu trinken, habe ich mir selbst zugehört und ich habe mich selbst so akzeptiert, wie ich bin. Als ich aufgehört habe zu trinken, habe ich aufgehört gegen mich selbst zu kämpfen und habe beschlossen, mein Leben zu leben. Und das heißt nicht, dass ich keine Ängste mehr habe, oder Zweifel. Das heißt auch nicht, dass mir jeden Tag die Sonne aus meinem Popöchen scheint. Nein. Meine Persönlichkeit hat sich ja nicht geändert, ich kann immer noch sehr theatralisch sein und zer - denke mir Dinge, möchte alles jetzt sofort, weil in meinem Kopf alles schon fertig ist und bin dann ungeduldig mit meinen Mitmenschen, weil sie nicht in meinem Kopf sitzen und die Achterbahn meiner Gefühle nachvollziehen können. Das ist völlig OK. Aber ich bin ich selbst und ich fühle meine Gefühle und lebe mein Leben, mit allem, was dazu gehört und alles hat so viel mehr an Qualität gewonnen und ich würde mit niemandem tauschen wollen. Und all das, weil ich aufgehört habe meinen Körper mit einer Droge vollzupumpen und mir nicht mehr die Frage zu stellen, ob ich Alkoholikerin bin oder nicht, denn das tut tatsächlich nichts zur Sache.

photo credits: Thorpe Mayes; George Pagan // unsplash

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Marina (Sonntag, 20 Oktober 2019 14:34)

    Phantastisch liebe Vlada und nein wir sind nicht willenlos, wir sind nicht schwach, wir sind nicht schmutzig. Wir zeigen, dass wir Kraft haben, dass wir stark sind. Wir sind Kämpferinnen. Im Moment könnte ich gerade vor Glück platzen. Maria

  • #2

    Micha (Sonntag, 20 Oktober 2019 17:36)

    Danke für den tollen Blog!!! Die Worte beschreiben zum großen Teil meine Gedankenwelt.