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Schamlos - Gastbeitrag von Nathalie Stüben

Scham

Glücklich ohne Alkohol
Ohne Alkohol

Keine Ahnung, wann genau es passierte, aber irgendwann wurde aus dem gepflegten Glas Wein eine schlechte Gewohnheit. Und aus der schlechten Gewohnheit Abhängigkeit. Es geschah ganz langsam, fast unmerklich, bis ich nur noch fassungslos betrachten konnte, was aus mir geworden war: ein Schatten meiner selbst.

 

Ich war 30 Jahre alt und gefangen in einem Leben, das ich nicht führen wollte. Nach außen hin sah es toll aus. Hinter der Fassade hatte der Alkohol das Sagen. Er bestimmte meine Gedanken, meinen Alltag. Er übernahm meine Abend- und indirekt auch meine Lebensplanung. Meine Persönlichkeit verkümmerte, während mein einst so schönes Leben sich auf einem Radius aus Weißwein, Affären und Arbeit reduzierte. Meine Träume verblassten. Vieles, worauf ich einmal wert legte, erschien mir belanglos. Da, wo einmal mein Selbstvertrauen saß, machte sich Unsicherheit breit. Und Verachtung. Eine fast unerträgliche Verachtung für das, was ich mit mir anrichtete. Wobei mein Alltag sich zunehmend so anfühlte, als wäre ich gar nicht richtig da. Grauburgunder und Chardonnay betäuben mich, egal ob ich trank oder nicht. Sie ließen mich abstumpfen, packten mich in ihre toxische Watte.

 

Klar, es gab diese Momente, in denen mein Inneres schrie: "Hör auf ! Hör auf damit!" Aber wie? Es erschien mir unmöglich, ein Leben ohne Alkohol zu führen. Unmöglich. Wie zur Hölle sollte das gehen? Alkohol war nicht wegzudenken. Nicht nur, weil jeder in meinem Umfeld trank. Vor allem deshalb, weil ich ja dann dazu stehen müsste, ein Problem zu haben. Ich! Die doch alles hatte, um sich ein schönes Leben aufzubauen: wunderbare Kindheit, liebevolle Eltern, wahre Freunde, gute Ausbildung. Und was mache ich? Werde abhängig und verkacke es. Mich überkam die blanke Scham, wenn ich nur daran dachte, das offen auszusprechen. Ich schämte mich so sehr, dass es mich lähmte. So sehr, dass ich mein Problem lieber ignorierte als es zu lösen.

Schluss damit

Ein Leben ohne Alkohol
Ohne Alkohol mit Nathalie

Am 18. Juli 2016 wachte ich mal wieder verkatert neben irgendeinem nackten Typen auf, an dessen Namen ich mich nicht erinnern konnte. Vor mir lag ein Tag mit dem ich nichts anfangen konnte. Und in meinem Bauch tobte dieser allzu vertraute Schmerz, dieses dumpfe Gefühl, dass alles in die völlig verkehrte Richtung läuft. Das war nicht neu, aber in diesem Moment war es zu viel. Es gab keinen Paukenschlag, keine Erleuchtung oder so. Dieser Morgen war eher das Resultat vieler falscher Tage. Ich war so müde, ich war's so leid, mich so zu fühlen. Und ich wusste endlich: Ich muss aufhören zu trinken. Jetzt. Heute. An diesem Sommermorgen traf ich die einzig richtige Entscheidung, meine Gesundheit über meine gesellschaftliche Reputation zu stellen. Für mich einzustehen, egal, was andere dann denken.

 

Die großartige texanische Wissenschaftlerin Brené Brown bezeichnet Scham als eine Epidemie unserer Kultur. Als Seuche, die in direktem Zusammenhang steht mit Abhängigkeit, Depression, Essstörung, Kummer, Gewalt und krankhafter Angst. Scham ist ihr zufolge dieses unglaublich schmerzhafte Gefühl, nicht genug zu sein, nicht dazuzugehören. Jeder von uns kennt sie, mal abgesehen von Soziopathen. Und jeder von uns neigt dazu, sie zu verschweigen und zu verheimlichen. Was genau das Falsche ist. Denn dort, im Geheimen, potenziert sie ihre Macht über uns. Sobald wir jedoch anfangen, über unsere Probleme zu sprechen, unsere Geschichte zu erzählen und dazu zu stehen, wer wir sind, brechen wir diese Macht.

 

Das zu verstehen war ein Meilenstein für mich. Danach zu handeln mein Befreiungsschlag. Mich zu meiner Abhängigkeit zu bekennen, darüber zu reden, hat mir ermöglicht, sie zu überwinden. Letztendlich befreite mich also genau das, was mir am unmöglichsten erschien.

Nicht allein

Heute, gute drei Jahre nach diesem Sommer, gehe ich noch einen Schritt weiter und starte einen Podcast, in dem ich offen über mein Alkoholproblem spreche und Schicksalsgefährten zu ihrem interviewe. Es ist ein Riesenschritt für mich, es ist ein Outing, es ist mein Herzensanliegen.  Weil ich gelernt habe, wie wichtig es ist, die Maske abzunehmen und seine Geschichte zu erzählen - für sich selbst und für diejenigen, die noch kämpfen. Und die dringend hören müssen: Du kannst das auch schaffen. Du bist nicht allein.

 

Natürlich bist Du nicht allein. Alkohol ist eine hochgradig süchtig machende Droge. Aber wir tun so, als wären die, die ein Problem entwickeln, das Problem. Ich will diese Ignoranz nicht länger hinnehmen. Dieses verdammte Stigma, das bei so vielen dazu führt, dass es immer und immer schlimmer werden muss, bevor es besser werden kann. Schluss damit. Wir müssen reden.

 

Denn seine eigene Scham zu überwinden bedeutet immer auch, andere zu ermutigen, eine Hand zu reichen. Wer zeigt, dass es geht, weist einen Weg hinaus aus dem Sumpf. Nichts schenkt so viel Selbstvertrauen als zu sehen, wie viele kluge, tolle Menschen den Alkohol ebenfalls besiegt haben. Menschen wie Vlada, wie Daniel Schreiber, wie Holly Withaker, wie Laura McKowen, Catherine Grey, Sasha Tozzi oder Lisa F. Schmith. Ihr alle tragt dazu bei, dieses elende Tabu zu brechen. Ab heute kämpfe ich an Eurer Seite.

Podcast out now
Ohne Alkohol mit Nathalie

Nathalies Podcast heißt "Ohne Alkohol mit Nathalie". Ihr findet ihn in allen gängigen Podcast-Apps und auf ihrer Website (https://oamn.jetzt).

 

 

Auf Instagram findet Ihr sie unter @nathaschka.

photo credtis: Seth Doyle // unsplash; Nathalie Stüben

Danke Nathalie! <3

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Kommentare: 1
  • #1

    Andre (Freitag, 11 Oktober 2019 13:52)

    Liebe Nathalie, danke für diesen ehrlichen Beitrag und Dein bestreben aufzuklären. Das freut mich sehr. Ich war auch Jahrelang abhängig und habe es geschafft mich vom Alkohol zu befreien in dem ich eine Langzeittherapie gemacht habe. Das war die beste Entscheidung in meinem Leben. Ich möchte gern mein Klinikverzeichnis verlinken ich hoffe das ist ok. Hier finden abhängige unkompliziert eine Klinik in der Sie eine Langzeittherapie beginnen können. Die Seite heist https://www.alko-hohl.de Liebe Grüße André