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Selbsthilfe - Hätte ich das mal vorher gewusst!

SElbsthilfegruppen
Selbsthilfe

Mit Selbsthilfegruppen habe ich mich vor meiner Langzeittherapie eher wenig, bis gar nicht beschäftigt. Schade eigentlich! Ich kannte Selbsthilfegruppen zunächst einmal nur aus meiner Studienzeit, in der ich einmal eine Selbsthilfegruppe für Essgestörte besucht habe, um meine Wartezeit für eine Behandlung bei einem Psychologen zu überbrücken. Dieser bin ich dann aber schnell wieder fern geblieben, da es hauptsächlich darum ging,  was die jeweilige Person an dem Tag so gegessen hat und ich habe mich gefragt, wie mir das jetzt in meiner Situation eigentlich helfen soll?

 

Heute gehe ich anders mit diesem Thema um. Im Zuge meiner Langzeittherapie sollte ich mir mindesten zwei Selbsthilfegruppen ansehen, die sich in der Klinik vorgestellt haben. Ich meine, alleine die Vorstellung daran, irgendwann aus der Klinik entlassen zu werden und wieder komplett auf eigenen Beinen - ohne Käseglocke - zu stehen, machte mir schon etwas Angst. Nicht nur etwas - sondern ganz schön. Mit wem kann ich reden? Wohin kann ich mich wenden? Wo werde ich verstanden? Bei wem kann ich mein Herz ausschütten?

 Anfang des Jahres unternahm ich eine so genannte ‚Belastungsheimfahrt‘ nach Berlin. Für ein paar Tage darf man zur Erprobung und Regelung persönlicher Angelegenheiten aus der Klinik raus. Im Zuge dessen entschloss ich mich dazu, auch ein paar Selbsthilfegruppen zu besuchen. Ich meine, ich kann ja schließlich nicht die einzige junge Frau sein die Abhängig ist, zudem eine Langzeittherapie gemacht hat und jetzt auf der Suche nach ‚Artgenossen‘ in einer Großstadt ist.

 

Ich hatte Angst davor, verurteilt zu werden‘

 

Zugegebenermaßen habe ich mir zuvor nie getraut eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen, geschweige denn, mich mit dem Thema 'Sucht' intensiver zu beschäftigen. Ich dachte, in Selbsthilfegruppen gehen nur Leute, denen es eben so richtig schlecht geht. Also Leute, die eben ein richtiges Problem haben. In dem Moment war mir zwar schon klar, dass ich ein richtiges Problem habe, jedoch wollte ich mir das selbst nicht eingestehen.

 

Ich hatte Angst davor, verurteilt zu werden. Und noch dazu hatte ich Angst, dass ich dort gezwungen werden könnte, von heute auf morgen nichts mehr zu konsumieren und das hätte ich wohl schwer umsetzen können! Die größte Angst eines Abhängigen ist ja schließlich, seinen 'besten Freund' zu verlieren. Ein Leben ohne Alk, ein Leben ohne Drogen, wie soll das gehen? Das passt nicht in die süchtige Welt. Wir verschließen lieber die Augen, wird schon nicht ganz so schlimm sein! Bekomme ich alles schon irgendwie hin. Später, nicht jetzt. Jetzt kann ich nocht nicht, jetzt bin ich noch zu...abhängig?

 

Hätte ich gewusst, dass ein Großteil der Anwesenden auch Frauen in meinem Alter sein werden und ich innerhalb von ein paar Minuten zahlreiche Telefonnummern in der Hand halte...‘

 

Hätte ich das mal eher gewusst! Ich weiß, hätte hätte Fahrradkette, aber hätte ich gewusst, dass, als es mir tatsächlich richtig schlecht ging und ich mich fast nicht mehr getraut habe einen Fuß vor die Tür zu setzen, hätte ich in dem Moment gewusst, dass sich genau in dem Moment unzählige Menschen mit der selben Problematik nur einen Katzensprung von mir entfernt treffen, dann wäre ich vielleicht hingegangen. Hätte ich gewusst, dass mich dort niemand schief anschauen wird, niemand verurteilen wird und niemand sagen wird: 'Du musst...!', dann hätte ich mich vielleicht eher getraut. Hätte ich gewusst, dass ein Großteil der Anwesenden auch Frauen sein werden und ich innerhalb von ein paar Minuten zahlreiche Telefonnummern in der Hand halte, die ich wählen kann, wenn es mir schlecht geht, die mich verstehen, die mir zuhören und helfen wollen, weil sie den Weg schon einmal gegangen sind, dann wäre ich vielleicht nicht so lange verloren gewesen. Dann wäre ich hingegangen, auch ohne etwas zu sagen. Oder hätte mich getraut Fragen zu stellen, oder um Hilfe zu bitten und ich hätte gesagt, dass ich gerade verloren bin und eher verstanden, dass ich nicht alleine bin!

 

Natürlich gehe ich nicht davon aus, dass Gruppen etwas für jedermann sind. Ich musste mich auch erst langsam daran gewöhnen. Aber sie können eine große Hilfe und eine Stütze sein. In der Gruppe herrscht Ehrlichkeit. In der Regel auch knallhart. Einen Süchtigen kann man nun einmal schwer etwas vor machen, wenn es um Sucht geht. In der Gruppe wirst Du aufgefangen und wirst verstehen, dass es Menschen gibt, denen es genauso geht wie Dir. Das Du nicht alleine bist und es wirklich immer Menschen gibt, denen Du wichtig bist und die den Weg gemeinsam mit Dir gehen. Mit allen Höhen und Tiefen.

Natürlich solltest Du mehrere Gruppen ausprobieren, um herauszufinden, welche Gruppe am besten zu Dir passt. In meinem SOS Link findest Du zahlreiche Anlaufstellen, an die Du Dich wenden kannst. Auch wir Herzensmenschen sind gerne für Dich da. Falls Du fragen haben solltest, dann kannst Du mich auch jeder Zeit anschreiben.

Du bist wertvoll und Du bist nicht alleine!

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