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Es gibt so Tage & Verluste

Es gibt so Tage ...

Füße und Meer
Tage

da möchte ich die Zeit anhalten, weil das Leben für diesen Moment perfekt erscheint. 

Und es gibt so Tage, da stimmt die Welt nicht mehr: So geht es mir seit gestern.

Vielleicht ist mal ausnahmsweise das Wetter Schuld? Die Luft ist stickig, der Himmel diesig und das Sonnenlicht fällt wie durch Milchglas gefiltert aus der Wolkendecke. Samstag noch war ich auf Norderney, kam mit Sand in den Schuhen, Seeluft im Haar und Sonne im Herzen nach Hause zurück. 

Und gestern? Schon das Aufstehen war mühsam. Schwere Knochen, Gliedmaßen aus Gummi, schleppender Gang. In der Küche: Die halb volle Kaffeetasse vom Vortag umgeworfen. Titschen. Im Bad: Beim Griff in den Schrank nach der Milch den Wäscheständer umgekippt und dabei die Grünpflanze vom Regal gerissen. Feuchte Blumenerde und ein zerdepperter Übertopf auf den Fliesen. Aufsammeln, kehren, wischen. Geöffnete Shampooflaschen umgestoßen, Cremedosen und Lippenstifte ins Waschbecken fallen lassen. Mein Tag! Den ganzen Tag!

Und heute?

Das Aufstehen war mühsam. Schwere Knochen, Gliedmaßen aus Gummi, schleppender Gang. Die Laune gruselig. Nervös und fahrig, nah am Wasser gebaut und dann auch mitten rein gesprungen. Warum nur? Bei der Arbeit: Genervt, angespannt, lustlos.

Was fehlt? Zucker? Alkohol? Vitamine? Mineralien? Menschliche Nähe?

Was auch immer, ich verlasse mich auf die Binsenweisheit: Auch der bescheidenste Tag hat nur 24 Stunden. Oder dauert mal doppelt so lange. Dann ist er vorbei, und am nächsten Morgen lache ich darüber.

Verluste

Ich glaube, die Niederlagen und Verluste, die wir in unserem Leben hinnehmen und ertragen mussten, sind die Erfahrungen, die uns am Meisten prägen. Schöne Augenblicke brennen sich nicht so nachdrücklich in unsere Erinnerung ein.

Wer als Kind gehänselt wurde, weil er – zu dick, zu groß, zu unsportlich, zu farbig, zu anders – als die anderen war, vergisst nie die Schmach des verspottet werden. Das gleiche Kind,  vielleicht intelligenter, kreativer, begabter als die anderen, kann die Wertschätzungen seiner Talente nicht annehmen und konservieren. Was nimmt es wahrscheinlicher mit ins Leben? Ein Gefühl von Minderwert.

Mit den Verlusten verhält es sich ähnlich. Wir verlieren Dinge, den Glauben, Geld, Jobs, Hoffnungen und Menschen. Immer ist es schmerzhaft. Ich habe durch Tod verloren: ein ungeborenes Kind, meinen Vater, Großeltern, eine beste Freundin, nahe Arbeitskollegen. Durch Ignoranz: eine Schwester. Durch Scheidung: zwei Partner. Hinzu kommen die Ungezählten, die für eine kurze Zeit meinen Lebensweg kreuzten, vielleicht sogar ziemlich beste Freunde waren und dann wieder von dannen zogen. Oder ich.  

Mann auf Wiese
Verluste

Jetzt, so fürchte ich, verliere ich wieder einen Freund. Oder anders: Ich werde ihn wohl verlassen. Seit beinahe 20 Jahren kennen wir uns, aber er ist mir so fremd geworden und ich verstehe ihn nicht mehr. Ich mag seine Beziehungseinstellung nicht mehr leiden. So lange ich ihn kenne, ist er auf der Suche nach der perfekten Frau. Jede, die ihn zunächst begeisterte, war dennoch – aus seiner Sicht – mit Makeln behaftet und er organisierte alles dafür, diese auszumerzen: Hat die Frauen zu Therapeuten geschickt, eine polnische Freundin ungefragt im Deutsch-Kurs angemeldet, und auch mal eine Brille empfohlen wo keine nötig war. Allein aus einem Grund: Er steht auf bebrillte Frauen.

Er ist noch immer auf der Suche; war es während jeder Beziehung und selbst in der Ehe. Ging zum Traualtar und schwor Treue vor Gott – Ich hab es gehört! – und hatte längst eine Zweitbeziehung. Kinder wurden geboren und er suchte weiter.

Ich war seine Freundin, mir hat er von all dem erzählt. Ich fand es nicht gut, habe aber zugehört und Entscheidungen eingefordert. Die hat er getroffen. Immer wieder. Temporär. Jetzt ist die Ehe gescheitert und er in einer nächsten  Beziehung. Trotzdem sucht er weiter. Wonach? „Ich will doch nur Eine!“, sagt er. Aber was für eine?

Solch einen Mann hatte ich auch mal an meiner Seite: Nie zufrieden mit der Einen, immer auf der Suche nach der Anderen, aber nichts entscheiden. Wir sind lange geschieden. Er hatte mein Herz gebrochen. Ich vermisste ihn sehr. Aber ich konnte ihm auch nicht das geben, wonach er suchte. Heute weiß ich, es lag gar nicht an mir. Er hatte in jeder seiner Beziehungen parallel eine zweite laufen. Und die Frau, für die er sich nach mir entschieden hat, hat er auch schon wieder betrogen. Mit mir.

 

von Eliza.

photo credits: Xan Griffin; Daria Krasnenko // unsplash

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