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Liebe ohne Rausch

Bist Du's?

Liebe
Nackte Frau im Bett

Hallo. Wir kennen uns. Wir beäugen uns aus der Ferne. Manchmal sage ich: Guten Tag!

Ich kann stets wählen. Ich durfte schon immer wählen.

Manchmal kommst du um die Ecke und es kracht ganz laut. Das passiert jedoch relativ selten. Zumindest war es bei mir bisher nur ein Mal der Fall. Ich war damals elf Jahre alt und der Rausch hielt ganze drei.

Ich habe mir schon damals gewünscht, dass du vorbei schaust und bleibst, vielleicht auch irgendwann einmal für immer.

Aber das wünschen sich bestimmt auch andere, da bin ich mir ziemlich sicher.

Und als junges Mädchen hatte ich große Träume. Ich habe mich gefragt, wie du wohl aussehen wirst? Wie du wohl riechen wirst? Wie du wohl sein wirst? Wer du bist?

Heute bin ich dreiunddreißig Jahre alt und frage mich: Bist du's? Oder vielleicht du? Oder vielleicht bist du ja noch gar nicht bei mir vorbei gekommen, weil ich mit so vielen anderen Dingen beschäftigt war - wie zum Beispiel: mich selbst in meinem eigenen Chaos wieder  zu finden.

Ich habe aufgeräumt. Das Chaos ist beseitigt. Ich muss aber ab und an noch Staub wischen und den Müll runter bringen.  Man nennt das auch umgangssprachlich 'den Haushalt schmeißen'.

Das erste Mal

Hätte ich eine andere Entscheidung getroffen, wäre ich nicht betrunken gewesen? Hätte ich nicht getrunken, hätte ich mich dann lieb gehabt und hätte mich gegen dich entschieden? Ich bin ein Spätzünder. Der erste Kuss bei Faschingsmusik und es dröhnt in meinen Ohren. Mitten drin wache ich auf und denke mir: "Ich küsse dich ja?!" Also kann ich mich an meinen ersten Kuss gar nicht mehr so richtig erinnern. Nur an den Moment, an dem ich kurz klar war. Vielleicht sind erste Küsse aber gar nicht mal so wichtig. Es werden ja hoffentlich noch weitere folgen.

Hätte ich mich lieb gehabt, dann hätte ich mich nicht für dich entschieden.

Mit deinem Kopf hängst du woanders und ich versuche eine Lücke zu Füllen. Beziehungsweise versuchst du mich irgendwie lieblos hinein zu pressen, sagst mir dann, dass ich zu dick sei. Ich bin kein guter Lückenfüller. Ich brauche meinen eigenen Platz. Das sehe ich zu diesem Zeitpunkt aber nicht. Also stehe ich in der Lücke und lasse dich machen. Lieblos. Insgeheim denke ich mir: "Heiraten werde ich dich auf keinen Fall! Das kann ich mir nämlich überhaupt nicht vorstellen. Aber warum bin ich dann eigentlich mit dir zusammen?" Ich denke weiter darüber nach und vier Jahre verstreichen. Irgendwann bin ich betrunken und wir landen im Bett. Ich blute, bis ich nur noch Haut und Knochen bin. Dann sagst du mir, ich solle mal etwas essen und ich sage dir: "Verpiss' dich! Ich habe einen anderen gefunden!"  Dann weißt du, dass es vorbei ist.

Der Andere

Der andere kam auf leisen Sohlen. Er schlich sich irgendwie  ganz leise an und konnte zudem auch noch gut tanzen. Der andere brachte mich zum lachen und fragte mich: "Darf ich dein Retter sein?"

Ich sagte:" Jein."

Mit dir ist es so angenehm. Mit dir fehlt mir der Rausch. 

Mit dir fühlt sich alles wie zu Hause an, derweilen gleicht mein eigenes zu Hause momentan einem Schlachtfeld.

Du hältst meine Hand und ich erhalte einen Spitznamen. Du bekommst denselben.

Drei Jahre wie Arsch auf Eimer. Mit dir fehlt mir der Rausch.

Du möchtest heiraten, Kinder kriegen, ein Haus, einen Hund, einen Plan. Du möchtest mich.

Mit dir fehlt mir der Rausch.

Ich will weg und was erleben. Es muss krachen (ganz, ganz laut). Ich möchte tausend Sprachen sprechen. Frei sein und mit der ganzen Welt schlafen. Durchdrehen, ausrasten. Das was in mir drin ist nach außen kotzen, damit es mir nicht mehr so schwer im Magen liegt.

Mit dir fehlt mir der Rausch. 

Also gehe ich und lasse dich im Regen stehen.

Wo bist Du?

Ich suche und suche und finde nichts. Suche ich eventuell an den falschen Stellen? Ich wechsle das Land. Ich suche weiter.

Ab und an werde ich fündig, doch mein Gegenüber entpuppt sich als Mogelpackung und das bricht mir dann das Herz.

Mein Herz scheint jedoch ziemlich robust zu sein. Es gleicht einem Stehaufmännchen. Und ich wähle gerne das Chaos.

Wie Innen so Außen - ich wollte ja schließlich, dass es kracht.

Angetrunken suche ich die große Liebe, doch muss groß auch immer laut sein? Und wie groß ist eigentlich groß? Ist mein groß für jemand anderen vielleicht klein? Und muss das auch immer so weh tun? Keine Ahnung.

Ich suche weiter, in fremden Betten und ich finde den Rausch.

Am nächsten Morgen herrscht Katerstimmung. 'The Party Is Over' und ich setze die Bruchstücke meiner Erinnerung zusammen. Frei aber leer - also fülle ich nach. Der Rausch bleibt, doch ich finde dich nicht.

Jahre verstreichen und mein Herz geht manchmal ein wenig ein. Dann muss ich aufpassen, dass es nicht vertrocknet.

"gibt es ein Motiv?"

Wenn ich die einzelnen Teile meiner Vergangenheit nebeneinander stellen würde, dann habe ich keinen Typ.

Wie, Du hast keinen Typ? Groß, blond, blau? Nein?

Wenn ich die einzelnen Teile meiner Vergangenheit nebeneinander stellen würde, dann habe ich keinen Typ.

Und wie sieht es mit dem Charakter aus?

Manchmal gut und manchmal schlecht.

Gibt es einen roten Faden?

Es gibt schwarz und weiß. Die Graustufen kann ich nicht so richtig erkennen. Ich wähle meist schwarz - bei weiß fehlt mir der Rausch.

Stehst du auf den Kater am nächsten Morgen?

Nicht mehr.

Und wann willst du aufhören zu trinken?

Wenn es nicht mehr weh tut.

Damit es nicht mehr weh tut, musst du aufhören zu trinken.

Achso!

Sex on Drugs

Sex auf Drogen
Frau auf einem Bett

Wie fühlt sich das an?

Wie Halligalli im Hirn und untenrum trocken. (&vorgetäuschte Gefühle)

 

In der Hoffnung auf ein bisschen Bindung (vielleicht auch nur für einen Bruchteil von Sekunden) berauschen wir uns und landen in fremden Betten. Vorgetäuschte Freiheit. Damit will ich nicht sagen, dass One Night Stands schlecht sind. Das kann ja schließlich jeder für sich selbst entscheiden. Ich hatte zu konsumierenden Zeiten ein paar, wenn nicht sogar ein paar mehr. Ich wollte frei sein. Zumindest redete ich mir das ein. Auf der Suche nach Liebe berauschte ich mich und traf Vorkehrungen, damit es am Ende nicht weh tun kann.

Höchstens drei Mal mit ein und demselben treffen, sonst könnte ich Gefahr laufen, dass Gefühle einsetzen. Gefühle könnten weh tun, wenn sie nicht erwidert werden. Zudem könnten Gefühle ein dumpfes Gefühl in der Magengegend hinterlassen, wenn der Gegenüber sie hat und du nicht. Dann hängt dir der Kloß im Hals. Also lieber keine Gefühle.

Wenn wir uns berauschen - sei es mit Alkohol oder Drogen, dann scheint die Welt manchmal weicher, kunterbunter, leichter. Wir atmen ein wenig auf. Vielleicht werden wir auch selbstbewusster und trauen uns mehr. Wir dämpfen die Gefühle, wir schieben Gedanken und Ängste bei Seite und gaukeln uns etwas vor. Auch im Bett. 

Wann ist denn Sex eigentlich gut? Ich werfe diese Frage jetzt einfach mal in den Raum und wer Lust hat, kann sie sich selbst beantworten.

Bin ich 'Ich', wenn ich berauscht bin? Mir gehen einige Dinge lockerer von der Hand, meine Ängste sind wie weggeblasen. Aber wenn ich keine Angst mehr habe, dann fühle ich ja auch nicht mehr. Kann Sex ohne Gefühle denn gut sein?

Vielleicht wollte ich früher auch manchmal einfach nur Händchen halten und da es mir zu blöd war zu fragen, gaukelte ich aufgeblasen meine Freiheit vor. 

Ich war auf der Suche nach Nähe und Zuneigung, nach Eis am Stiel bei Sonnenschein im Park und weil ich zu große Angst vor den eigenen Wünschen und Bedürfnissen hatte, suchte ich den Rausch. Da konnte Chaos nämlich Chaos bleiben und ich musste gar nichts zeigen.

Am nächsten Morgen blieb dann meist dieses leere Gefühl in der Brustregion aber 'hey' ich bin so unendlich frei und habe stets eine Story parat. Bloß nicht zu lange allein sein - aber auch eigentlich mit niemandem zusammen. So ein Zwischending. Vielleicht so eine Begegnung, bei der beide Masken tragen. Da sieht dein Gegenüber nämlich dein Gesicht nicht und du auch nicht das Gesicht des anderen und wenn du dann noch einen kunterbunten Rausch darüber schüttest, dann ist die Party doch perfekt.

So oder so wird es doch irgendwann auch einmal Zeit aufzuräumen, oder?

Liebe ohne Rausch ...

... fühlt sich ganz anders an. Ich will nicht sagen, dass es leicht ist. Aber es ist zumindest ehrlich. Ich bin ehrlicher zu mir selbst. Die Wunden klaffen, wenn du nichts darüber legst aber das ist die Challenge, um endlich auch einmal du zu sein. Wunden sind ok, wir sollten uns nur darum kümmern und nicht immer wieder Dreck darüber schmieren, in der Hoffnung, dass sie ganz von alleine verschwinden - das gibt nämlich manchmal eine fette Entzündung (just saying). Das kostet mitunter mehr Mühen, diese wieder in den Griff zu bekommen.

 

In meiner Liebe ohne Rausch geht es letztendlich um die Liebe zu mir selbst. In meiner Liebe ohne Rausch, bin ich aus meiner letzten Beziehung gegangen, ohne danach das Gefühl zu haben, ich  müsste sterben. In meiner Liebe ohne Rausch liebe ich es momentan alleine zu sein. In meiner Liebe ohne Rausch habe ich die Challenge akzeptiert und den Versuch gewagt, mich in mich selbst zu verlieben. Und das war der härteste Teil meiner Abstinenz. In meiner Liebe ohne Rausch verbringe ich die Zeit gerne mit mir selbst. Ich versinke nicht mehr in Tagträumen, in der Hoffnung, dass doch bitte bald die große Liebe vor der Tür stehen wird. In meiner Liebe ohne Rausch, bin ich manchmal ganz high von meinem jetzigen Leben. Ich wache seit einem Jahr und neun Monaten jeden Morgen auf und habe keinen Kater mehr. In meiner Liebe ohne Rausch versuche ich die beste Version meiner selbst zu sein (mit allen Ecken und Kanten). In meiner Liebe ohne Rausch, habe ich keine One Night Stands und habe darüber hinaus nicht das Gefühl alleine zu sein. Ich kreiere keine Leere mehr. In meiner Liebe ohne Rausch habe ich gelernt, was Freiheit für mich eigentlich bedeutet. Die hinterlässt keinen bitteren Geschmack.

Und die Liebe?

Ich glaube, die tut nicht weh. Ich bin keine Expertin, aber ich habe zumindest schon viel herumexperimentiert und herausgefunden, wie sie (für mich) nicht funktioniert. Ich nehme mir vor, zukünftig Farben zu wählen und Farbe zu bekennen. Ich weiß vor allem, was ich mir Wünsche und welche Bedürfnisse ich habe. Das war eine aufregende Reise bis hier her.

Ich darf verliebt sein. In kleine Dinge, große Dinge. In Situationen, schöne Momente und Menschen. Und ich darf auch manchmal verwirrt sein, über die eigenen Gefühle, die ich habe. Das ist ok, denn der Rausch fehlt nicht mehr.

photo credits: Annie Spratt; Mr Wong // unsplash

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