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A Crush ohne Eis

Arschwackeln zum Beat

Freundschaft über Liebe
Freundschaft

Der Bass wummert, die Musik ist laut. Ich wippe auf und ab. Ich wippe zum Beat. Ich meine beim Tanzen könnte ich überheblich wirken. Oder selbstbewusst? Überspielte "Selbstbewusstlosigkeit". Kannst du meine Telleraugen sehen? Scheint mir ganz so, als hätte die hier jeder. Ich wippe weiter, die Musik durchströmt den Körper. Ich komme näher, sehe aber nichts. Hinten habe ich nämlich keine Augen. Rückwärts, langsam, langsam. Gehst du mir an den Arsch?

Ich werfe dir einen vernichtenden Blick zu und du schaust mich erschrocken an. Du tust so, als hättest du keine Ahnung, weißt aber genau, wovon ich rede. Ich drehe mich um und tanze weiter. Was ist das für ein Typ? Vergessen.

Möglicherweise bin ich schon Überstunden auf der Tanzfläche. Ich wippe auf und nieder. Ich brauche Wasser.

An der Bar treffe ich dich und du sagst in deiner Sprache: "Entschuldige wegen vorhin!" Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst. Ach du bist der Typ, der mir an den Arsch gegangen ist? Du erklärst, dass ich meinen Hintern in dich hinein getanzt habe - du konntest gar nichts dagegen tun. Wir müssen beide lachen.

 

Wir verbringen die restlichen Überstunden im Park. Mit anderen Telleraugen. Wir hören Musik, die Sonne scheint. Das nennt man dann After Hour. Du bist nett und witzig. Nur deine Musik scheine ich nicht sonderlich zu mögen. Ich zeige üblicherweise nicht gerne Gefühl - zumindest war das damals so. Heute übe ich mich darin.

 

Vor Sonnenuntergang gehen wir zu mir. Ich frage einfach, ohne darüber nachzudenken. Rückblickend betrachtet würde ich die Stunden gerne Revue passieren lassen, aber diesmal mit klarem Kopf, damit ich mich besser daran erinnern kann. Du riechst gut und deine Arme sind bunt. Ich glaube, ich mag dich. Aber nicht zu viel, das ist nicht gut. Wir verbringen die restlichen deiner verbleibenden Tage miteinander - als wäre es schon immer so gewesen. Danach beschließe ich, nicht zu vermissen. Ich dachte was bleiben wird, ist die Erinnerung, weil das doch meist so bei Tanzflächen - Begegnungen ist. Das ist jetzt vier Jahre her.

Vermisst du mich? Ich glaube schon. Ich vermisse dich manchmal, aber leider verschwimmen zwischen Textnachrichten und Witz die Gefühle so langsam, vor allem, wenn man niemals darüber spricht. Ich für meinen Teil will ja auch nichts sagen. Denn ich für meinen Teil kuriere gerade noch ein gebrochenes Herz aus. Das ist zwar nicht mehr ganz zerbrochen, der Kleber muss aber noch trocknen. Wir bleiben beim Schreiben und du fragst mich, ob ich dich einmal besuchen komme.

"Ja, ja. Irgendwann einmal. Vielleicht im September?

Es bleibt bei einem Vielleicht und das über Jahre.

Jahreswechsel

Neujahr und du bist wieder in meinem Land. Eigentlich lag meinerseits die Vermutung nahe, dass bis dahin kein Kontakt mehr herrscht. Fehlanzeige.

Ich wippe auf einer Tanzfläche und du auf einer anderen. Es gibt da einen anderen, der weiß es nur noch nicht. Der hat jetzt aber eine andere. Ich kann Neujahr nicht ausstehen. Vor allem, weil ich Menschenmassen nicht ausstehen kann und weil man sich insgeheim vom Jahreswechsel etwas großartiges erhofft. Aber die wunderbaren Dinge geschehen unverhofft und leise - ohne große Ankündigung. 

Mein Handy kackt ab und ich finde es scheiße. Letzte Chance bevor der Akku stirbt und ich hoffe, dass die Nachricht ankommt.

Ich begebe mich auf den Heimweg. Nach durchzechten 32 Stunden (oder so), ist das Alleinsein besonders schwer. Fingers Crossed und ich biege links ab und laufe meine Straße entlang. Dein Taxi hält vor meiner Tür. Auf dich war schon immer Verlass. Perfektes Timing. Du kommst nie zu spät, bist lieber eine Stunde eher da, als 5 Minuten zu spät - wie ich später noch herausfinden werde.

Du singst, als du unter der Dusche stehst und ich weiß, ich werde dich vermissen. 

Zusammen ist man weniger allein.

Ein Schluck und wir schlafen nebeneinander ein.

Bloody Mary

Es ist Arschkalt und wir besorgen alles, was man für dieses Getränk braucht. Wir bleiben zu Hause, denn du wirst am nächsten Morgen fliegen. 

Unsere Verabschiedungen sind kurz und schmerzlos. Mit dir ist alles so schön leicht. 

Wenn Textnachrichten folgen verfliegt das Vermissen - vielleicht auch, weil ich in einer Fremdsprache nichts rüberbringen möchte und dann eher auf dich eingehe. In Tune und wir reißen einen Witz nach dem anderen und hoffen dabei insgeheim, dass es dem anderen gut geht.

 

Mir fällt gar nicht auf, dass du immer da bist. Es verstreichen lediglich Tage, ohne dass ich etwas von dir höre. Aber mir fällt gar nicht auf, dass du da bist. Schließlich haben wir ja auch noch mit unseren eigenen Leben zu tun und den anderen Menschen in ihnen. Dann gibt es da jemand anderen und dort jemand neuen. Seitdem wir uns begegnet sind, gleichen unsere Wege zwei Kordeln, die man in Schlängellinien nebeneinander legt. Manchmal berühren sie sich, dann sind sie wieder weiter voneinander entfernt. Wir halten Blickkontakt.

 

Manchmal treffen wir uns und nichts passiert. Wobei 'nichts' nicht leer ist. Wir liegen nebeneinander und du legst deinen Arm um meinen Oberkörper.

Mit dir ist es so schön ruhig und manchmal frage ich mich, warum ich dich nicht wähle. Fehlt mir der Rausch? Der Stich ins Herz? Die Backpfeife, die aus heiterem Himmel in mein Gesicht prallt? Die würdest du mir niemals verpassen, das weiß ich. Also fehlt mir der Rausch? Was fehlt mir eigentlich? Das sich meine Gedärme zusammenziehen, wenn ich nichts von dir höre? Das ich vor Eifersucht fast wahnsinnig werde, wenn du mir von einer anderen Frau erzählst? Das passiert nämlich nicht.

Freundschaft

Ich muss zugeben, im Freunde finden bin ich echt ein Pro. Da hatte ich schon immer ein ganz gutes Händchen für und wusste, wer bleiben wird und wer wieder gehen kann. Das nennt man dann wohl dem Bauchgefühl vertrauen. Wobei sich auch manch stiller Begleiter als Diamant entpuppte.

 

Als ich meinen persönlichen rock bottom erreichte, sah ich keine Freunde mehr. Bis mir aufgefallen ist, dass ich in die falsche Richtung schaue. Das ich Begegnungen nachtrauere, von denen ich im Nachhinein behaupten kann, dass es absolut ok ist, dass sie auseinander gegangen sind.

Wenn die Scheiße ordentlich am dampfen ist, dann erkennen wir tatsächlich oftmals einmal mehr, wer ein echter Buddy ist (true story).

Wir wählen also Freundschaft und ich traue mir zu sagen, dass ich eigentlich gar nicht unter einer Depression leide. Das die Depression der stille Begleiter ist oder das Resultat einer Abhängigkeit. Das ist ok für dich.

Im Nachhinein habe ich irgendwie das Gefühl, dass ich mich mehr abgestempelt habe, als mein Umfeld es jemals getan hat. Für die meisten bin ich nämlich 'ich' geblieben - mit oder ohne Abhängigkeit. Das hat wohl tatsächlich nichts mit mir und meiner Person zu tun - das ist ein großer Lerneffekt: Ich bin nicht meine Abhängigkeit!

 

Du schickst mir ein Buch und zwei Karten:  "Der Alchimist" von Paolo Coelho und insgeheim frage ich mich, woher du mich  eigentlich so gut kennst? Freunde tun das für einander.

Lieder, die Du singst.

All you need is Love
Fenster

Als ich entlassen werde, merkst du dir das Datum, schickst mir eine Sprachnachricht und singst mir ein Lied. Ich freue mich. Mit dir ist alles so schön leicht.

Dafür singe ich dir ein paar Monate später ein russisches Kinderlied vor. 

Freundschaft ist schließlich geben und nehmen.

Wir haben jemand anderen, aber ich verspreche dir, dass ich es nun vor dem Jahr 2020 in deine Heimat schaffe. Deal ist Deal. Eingeschlagen.

 

Wir begegnen uns zu Beginn des Jahres und es sind keine Erwartungen daran geknüpft. Du bist ja schließlich du. Und du hast Geburtstag. Wir kaufen dir eine Mütze, die du in der darauffolgenden Nacht verlieren wirst.

Wir umarmen uns doppelt. Doppelt hält besser. Doppelt zur Verabschiedung. Dein Geruch schießt mir die Nasenscheidewand entlang, erreicht mein Hirn und ich kann für ein paar Momente nicht mehr klar denken. Der Geruch verfliegt nicht so leicht. Der erinnert mich an den Sommer, an dem wir uns kennen lernten und Kopf auf Brust auf einer Wiese lagen.

Die großen Dinge überkommen einen in unverhofften Augenblicken, aber warum fühlt sich das diesmal anders an?

 

Ich steige in den Flieger. Am wenigsten kann ich den Moment leiden, an dem sich die Schiebetüren öffnen und man irgendwie versucht, nicht ganz so lost den anderen Menschen zu finden.  Du schaust auf dein Display. Glück gehabt.

 

Wir fahren stundenlang in einem Auto und hören fast so viele Stunden lang Musik. Ich mag es, wenn du singst.

Wir ernähren uns von Pizza und Eiscreme  - man gönnt sich ja sonst nichts.

Ich trinke Kaffee, nachdem ich dir sage, dass ich eigentlich gar keinen Kaffee mehr trinke und du denkst, du bist ein schlechter Einfluss für mich.

Mit dir ist alles so schön leicht.

Die meisten Menschen kommen mir zu nahe aber du hältst stets den Abstand ein. Das passiert recht selten. Ich weiß, da bin ich eigen.

Du singst Lieder wie Justin Timberlake und tanzt auf einem Berg wie Michael Jackson.

Ich wusste gar nicht, dass du noch so viele versteckte Talente hast.

Mit dir ist es so schön leicht und ich frage mich, warum ich dich nicht wähle. Fehlt mir der Rausch?

Kopf auf Brust liegen wir auf einem Bett und ich schaue aus dem Fenster. Du hast mir schließlich Natur versprochen. Sowie du nie zu spät kommst, brichst du auch deine Versprechen nicht. Aber white lies sind ok - wie du meinst.

Wir liegen nebeneinander und du legst deinen Arm um meinen Oberkörper.

 

Mit dir ist es so schön leicht und dies ist ein Liebesbrief an unsere Freundschaft.

photo credits: Elizabeth Tsung; Badal Patel // unsplash

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Kommentare: 1
  • #1

    Julia (Samstag, 29 Juni 2019 13:16)

    Schön! So Schön!
    Vielen Dank an Dich für's Teilen.