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Die stille Sucht der Frauen

Die stille Sucht der Frauen
Frauen und Sucht

 Ist Suchterkrankung reine Männersache? Sind mehr Männer Alkohol- oder Drogenabhängig? Warum macht es den Anschein, dass  mehr Männer als Frauen betroffen sind?

Substanzabhängigkeit ist ein Thema, welches beide Geschlechter betrifft. Aber worin liegt der Unterschied im Umgang damit? Welche Besonderheiten gibt es zwischen Männern und Frauen in Bezug auf Abhängigkeit?

 

 Als ich in der Klinik war, gab es definitiv einen Männerüberschuss. Aber warum eigentlich? Kam früher noch eine alkoholabhängige Frau auf drei alkoholabhängige Männer, ist das Verhältnis heute annähernd 2:3.

 

Frauen leiden im Stillen. Vielleicht ist das Eingeständnis der Sucht ein zu krasser Schritt, zu offentsichtlich. Frauen möchten gesehen werden, nur das Leiden bleibt im Verborgenen. Stark sein, perfekt sein, Probleme im Alleingang bewältigen. Den Schein nach Außen wahren. Wir sind unabhängig. Aber was ist mit den schwachen Momenten? Wenn der Druck zu groß wird, braucht es ein Ventil. Wäre das Eingeständnis einer Sucht ein Zeichen der Schwäche?

 

Ich habe mit einige Frauen gesprochen und das immer wiederkehrende Thema war: Rollenkonflikt. Mann, Kinder, Beruf. Frei und selbständig sein. Unabhängig. All das ist unter einen Hut zu bekommen. Viele abhängige Frauen neigen zum Perfektionismus. Wird der Druck zu groß, setzen Frauen das Suchtmittel gezielter ein. Problembewältigung im Verborgenen. Durch den Alkohol wird das Gefühl der Ohnmacht erträglicher. Konflikten wird aus dem Weg gegangen. Sie werden dadurch für Momente ausgeblendet. Aber die Hoffnung auf ein besseres Leben geht dabei viel zu leicht verloren. Schweigen ist in diesen Momenten alles andere als Gold.

Die Sucht wird zu einer Überlebensstrategie, um das Leben etwas erträglicher zu machen. Und so beginnt der Teufelskreis (Frustration, Scham, Schuldgefühle). Viele Frauen neigen zur Selbstaufgabe, werden den eigenen Ansprüchen nicht gerecht und flüchten in die Sucht. Ist eine trinkende Frau gesellschaftlich akzeptabel? Nein. Somit konsumieren viele Frauen im Stillen.  Die Sucht, die Hilflosigkeit, bleibt lange Zeit im Verborgenen.

 

Die Auswirkungen? Rein körperlich betrachtet vertragen Frauen tatsächlich nicht so viel Alkohol wie Männer. In Folge dessen entwickelt sich eine Abhängigkeitserkrankung umso schneller.

Aber warum trauen sich Frauen oftmals nicht um Hilfe zu bitten?

Meiner Meinung nach ist das Thema Abhängigkeit - auch heute noch -  unglaublich schambehaftet. Hinzu kommt das Gefühl, versagt zu haben, die Familie im Stich gelassen zu haben. Viele Partner abhängiger Frauen neigen zudem eher dazu, ihre Partnerin zu verlassen als umgekehrt. Krass!

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das Thema gefühlt sehr lange totgeschwiegen wird. In der Hoffnung, dass es einfach wieder verschwindet, das Gras über die Sache wächst und die Frau irgendwann schon wieder funktionieren wird. Aber so funktioniert das leider nicht. Sucht ist eine Krankheit. Tatsächlich ist Suchterkrankung auch chronisch. Sucht kommt nicht heute und geht morgen wieder. Chronisch bedeutet, ein lebenlang. Man kann lernen damit umzugehen, sie zu akzeptieren und anzunehmen. Vollends gehen wird die Sucht allerdings nie. Also ist reden wichtig. Reden und Verständnis, um somit den Mut aufbringen zu können, sich Hilfe zu suchen.

 

Eines sei in diesem Zusammenhang noch gesagt: Keine einzige Frau, die ich im Zuge der Therapie kennenlernen durfte, würde ich als schwach bezeichnen. Keine! Das waren alles äußerst starke Persönlichkeiten, mit einer krassen Geschichte. Demnach sollte meines Erachtens die Stigmatisierung ein Ende nehmen. Und zwar jetzt. Hinter jeder Suchterkrankung, hinter jedem Menschen, hinter jeder Frau, steht eine Geschichte. Suchterkrankung ist eine Strategie. Eine Strategie, um mit den Erfahrungen und dem Leben irgendwie besser zurecht zu kommen.

In vielen Geschichten spielt Missbrauch eine Rolle. Das zerbricht Herzen. Oftmals steht der Alkohol aber auch in direktem Zusammenhang mit einer Lebenskrise und Minderwertigkeitskomplexen. Die Angst davor, versagt zu haben. Viele abhängige Frauen kommen aus gutbürgerlichen Verhältnissen, haben einen Partner, Kinder und gute soziale Kontakte.

Abhängigkeit kann also jeden treffen und ist ein viel größeres und wichtigeres Thema, als vielleicht angenommen wird.

 

Falls Du das Gefühl haben solltest, nicht mehr weiter zu wissen. Falls Dir alles über den Kopf wachsen sollte und Du den Mut aufbringen kannst, Dir Hilfe zu suchen, dann kannst du Dich gerne an uns Herzensmenschen wenden.

Links zu Beratungsstellen findest Du HIER und für Frauen DA.

Und vergiss niemals, DU BIST WICHTIG!

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