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Gespräch mit Verena - Die Abstinenzentscheidung kommt tief aus dem Herzen heraus!

Frauen und Suchterkrankung
Interview

Wann hast du das erste Mal Alkohol konsumiert?

 

Das erste Mal Alkohol habe ich ganz klassisch mit 14 Jahren zu meiner Jugendweihe konsumiert. Da habe ich ein Glas Wein getrunken. Später mit 17 Jahren bin ich dann mit meinem ersten Freund oft auf Partys gegangen. Natürlich haben wir es dort auch ordentlich krachen lassen. Zu tief ins Glas geschaut, Übelkeit und am nächsten Tag der Kater. Aber das haben irgendwie alle gemacht. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Konsum noch kein Suchtpotential, ich wollte in meinen jungen Jahren einfach nur Spaß haben.

 

Wann hast du gemerkt, dass dein Konsum außer Kontrolle geraten ist?

 

Also wirklich gemerkt, dass etwas außer Kontrolle geraten ist, habe ich, als ich angefangen habe alleine zu trinken. Ich war 35 Jahre alt und steckte in meiner 2. Beziehung. Als Probleme aufgekommen sind, bin ich oftmals raus gegangen und habe Wein oder Sekt getrunken. Das geschah meist heimlich und alleine. Ich wollte meine Beziehungsprobleme in dem Moment einfach nicht wahrhaben. Sie sollten einfach wieder verschwinden.

 

Einmal war ich mit dem Auto unterwegs und wurde von der Polizei angehalten. Meine Fahrerlaubnis war ich dann für ein halbes Jahr los. Mein damaliger Partner hat meinen Alkoholkonsum damals nicht wirklich als Warnsignal oder Gefahr gesehen. Das war dann auch der Zeitpunkt, an dem ich angefangen habe regelmäßig zu trinken.

 

Und seit wann würdest du dich als Alkoholabhängig bezeichnen?

 

Ich denke seit dem Zeitpunkt, an dem ich angefangen habe alleine zu trinken. Seitdem ich 40 bin. Meine Beziehung ging in die Brüche. Ich bin nach der Trennung dann teilweise schon mittags nach Hause gegangen um zu trinken. Meine Söhne haben mich dann darum gebeten, mir Hilfe zu suchen.

 

Ich bin dann regelmäßig zu einem Psychologen gegangen, der mir geholfen hat, für eine gewisse Zeitt rocken zu bleiben. Ich habe eine ambulante Therapie angefangen und habe zuvor selbständig eine Entgiftung mit Medikamenten gemacht, wie vom Psychologen angeordnet. Ich musste mich ein Mal am Tag bei ihm melden und hatte aller 14 Tage ein Einzelgespräch. Danach war ich ein halbes Jahr trocken.

 

In meiner 3. Beziehung habe ich dann 'ganz normal' Wein getrunken, weil ich dachte, dass ich in der Lage sein werde kontrolliert zu trinken.

 

Wann war der Zeitpunkt, an dem du mitbekommen hast, dass wieder etwas aus dem Ruder läuft und du nicht in der Lage bist, kontrolliert zu trinken?

 

Nach einem Jahr Beziehung fing der Teufelskreis wieder von Vorne an. Ich habe wieder angefangen alleine zu trinken, bin zur Tankstelle gegangen, um mir Nachschub zu holen und habe begonnen Flaschen zu verstecken. Mein damaliger Partner hat mich dann darum gebeten, mir Hilfe zu suche. Das wollte ich aber nicht. Es kam zur Trennung, zum Auszug – ich hatte keine Wohnung und musste sogar meinen damaligen Laden schließen. Das hat alles noch viel schlimmer gemacht. Ich bin dann nach Radebeul zur Entgiftung gegangen, damit ich alles unter einen Hut bringen kann und wenigsten für die Zeit der Ladenschließung trocken bin. Kurz nachdem ich alles über die Bühne gebracht habe, hatte ich dann erneut einen Rückfall.

 

Ich fand einen Job als Angestellte und habe dann auch angefangen tagsüber und auf Arbeit zu trinken.

Nach meinem Rückfall ging ich 1 Jahr später nach Arnsdorf. Mit meinem neuen Partner habe ich dann erneut versucht,  kontrolliert zu trinken, aber das hat nicht funktioniert. Es wurde alles noch viel schlimmer als zuvor.

 

Mein Kinder hatten sehr oft Angst um mich. Sie haben gewusst, dass ich abhängig bin. Mein Sohn hatte gedacht, dass die Geburt meines Enkelkindes mir helfen wird, trocken zu bleiben, aber auch das hat nicht geholfen. Der Abhängige muss für sich ganz persönlich die Entscheidung treffen, ein trockenes und abstinentes Leben führen zu wollen. Da hilft Einfluss von Außen nur wenig.

 

Und was war der Grund, weswegen du dich für ein abstinentes Leben entschieden hast?

  1. Ich wusste nun, dass ich es alleine nicht schaffen werde, trocken zu bleiben.

  2. Ich habe anerkannt, dass ich nie wieder etwas trinken darf.

  3. Ich wollte mein Umfeld, meinen Job, meine Freunde und meine Arbeit nicht verlieren.

Was hilft dir dabei ein abstinentes Leben zu führen?

 

Ich kann es gar nicht mal so richtig beschreiben, was mir dabei hilft. Ich habe das Gefühl, dass nun der Groschen ein für allemal gefallen ist. Vielleicht ist es Angst? Vielleicht ist es aber auch das Elend, welches auf mich warten würde, wenn ich wieder anfangen würde zu trinken. Du fühlst dich nicht gut, hast Minderwertigkeitskomplexe und nichts mehr unter Kontrolle.

 

Es ist jetzt einfach tief in mir drin, in mir verwurzelt. Die Entscheidung kam ganz tief aus mir selbst. Wenn ich es für irgendjemand anderen tun würde, dann geht das meiner Meinung nach immer schief. Nach meiner letzten Entgiftung hatte ich einfach keinen Zweifel mehr, dass es jetzt so sein muss.

 

Wie hat dein Arbeitsumfeld auf deine Abhängigkeit reagiert?

 

Meine Kollegen waren oftmals sehr verzweifelt. Sie wollten mir helfen, wussten aber nicht wie. Als es sehr schlimm wurde, hat meine Chefin meinen Sohn kontaktiert und ihm gesagt, dass es mir sehr schlecht geht. Er hat mich dann abgeholt und alles eingeleitet, damit ich in die Klinik gehen kann. Meine Chefin meinte dann zu mir, dass sie mich erst wieder sehen möchte, wenn ich gesund bin und es mir gut geht. Als ich in der Klinik war, habe ich die Kündigung bekommen. Eine Arbeitskollegin hat sich dann für mich eingesetzt, sodass ich meine Stelle behalten durfte.

 

Heute denken meine Kollegen gar nicht mehr daran. Mein Arbeitsumfeld behandelt mich ganz normal.

 

Hattest du in deiner Kindheit Erfahrungen mit Sucht gemacht?

 

Ich bin mit der ständigen Angst um meine Mutter aufgewachsen. Meine Mutter litt unter schweren Depressionen in Verbindung mit einer Alkoholabhängigkeit. Sie lag eigentlich nur auf dem Sofa. Ich bin als kleines Mädchen oft zu ihr hingegangen und habe geschaut, ob sie noch atmet. Manchmal hat sie mich losgeschickt, um ihr Alkohol zu besorgen.

 

In der Schule waren meine Zensuren nie so berauschend. Ich wusste lange Zeit nicht, was ich werden wollte. Als meine Mutter mal wieder in der Klinik war (da war ich 14 Jahre alt), bin ich sie besuchen gegangen. Ich habe ihr dann gesagt, dass ich überlege, mein Abitur zu machen. Mit diesem Wissen hat meine Mama gefühlt überlebt und nie wieder etwas getrunken. Das war ein unglaubliches Gewicht, welches auf meinen Schultern lastete.

 

Warum fällt es deiner Meinung nach Frauen schwerer, offen mit ihrer Sucht umzugehen?

 

Ich denke das hat viel mit der Außenwirkung und 'den Schein wahren' zu tun. Meine Psychologin meinte letztens zu mir: 'Wissen Sie eigentlich, was ihre Mutter für eine starke Frau war?' Niemand, außer ihre Familie, hat von ihrer Depression und Suchterkrankung gewusst. Nach Außen waren wir immer die Vorzeigefamilie. Das muss man erst einmal schaffen!

 

Ich konnte irgendwie nicht so perfekt vertuschen. Ich denke in unserer Gesellschaft müssen Frauen stark sein und müssen Probleme weitestgehend mit sich selbst ausmachen. Frauen haben eine große Verantwortung – auch ihrer Familie gegenüber. Sie halten die Familie zusammen und zeigen keine Schwäche. Ich denke die Wahrscheinlichkeit, die Sucht alleine zu bewältigen, ist bei Frauen höher als bei Männern.

Zudem ist es auch erst gefühlt seit kurzem so, dass Alkoholsucht als tatsächliche Krankheit akzeptiert ist.

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