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Gespräch mit Christin - Von Frau zu Frau. Von Abhängige zu Abhängige.

Komm, wir reden über Sucht!
Die stille Sucht der Frauen.

Wann hast du zum ersten Mal Alkohol bzw. harte Drogen konsumiert?

 

Ich war spätes Kindergartenalter und musste bei Zeiten nach Feierlichkeiten ins Bett. Bei uns war es üblich, dass am nächsten Morgen aufgeräumt wurde. In der Nacht bin ich aufgestanden, weil ich tierischen Durst hatte. Sah ein Glas und war der Meinung, dass es Apfelsaft war. Habe es getrunken und dummerweise war es Bier und fand es so unglaublich ekelhaft. Das Thema Alkohol war für mich damit erledigt. Das nächste Mal bewusst getrunken habe ich dann zur Jugendweihe. Das klassische Glas Sekt. Aber das auch nur zum Anstoßen. Es war immer nur der Schluck aus Anstand. Das erste Mal betrunken war ich mit 14 an Silvester, als mich meine Freunde und mein damaliger erster Freund dazu gedrängt haben zu trinken. Ende vom Lied, ich war betrunken und mir ging es total schlecht. Das war ganz furchtbar. Das Thema Alkohol hatte sich dann für mich erledigt.

 

Mit meinem ersten Freund bin ich dann zum ersten Mal mit Cannabis in Berührung gekommen. Er hat ab und an einen gekifft und ich habe dann mitgemacht. Das war aber zu diesem Zeitpunkt auch eher um cool zu sein. Das hatte noch nicht dieses Suchtpotential. Wobei ich beim Kiffen schon das Gefühl hatte, dass ich dadurch sehr gut entspannen konnte.

 

Als mein Papa an Lungenkrebs erkrankte, wurde das Kiffen dann häufiger. Zu diesem Zeitpunkt hat es dann schon einen Zweck erfüllt. Das Kiffen war dann eher eine Flucht und hatte eine Funktion. Kurz aus der Welt austreten und abschalten. Zu diesem Zeitpunkt war ich 19 Jahre alt. Bis dato hatte ich aber noch keine Erfahrungen mit chemischen Drogen.

 

Wovon bist du abhängig?

 

Seit der Klinik weiß ich, dass ich mehrfachabhängig bin. Ich selber würde von mir sogar sagen, dass ich von Drogen, Alkohol und Medikamenten abhängig bin. Eine Essstörung kommt noch hinzu.

 

Als mein Papa gestorben ist, wurde bei mir eine Trigeminusneuralgie festgestellt. Das ist eine Nervenkrankheit im Gesicht. Aus diesem Grund habe ich Tilidintropfen bekommen. Da habe ich gemerkt, dass die richtig reinhauen und besser sind als kiffen. Danach habe ich angefangen bei sämtlichen Medikamenten auf die Verpackung zu schauen, was die Nebenwirkungen sind wie beispielsweise Schwindel oder eingeschränkte Fahrtüchigkeit. Diese habe ich dann überdosiert genommen.

 

Zu diesem Zeitpunkt bin ich dann auch zum ersten Mal mit Crystal in Berührung gekommen. Ich wurde zwar vorgewarnt, wollte es aber trotzdem probieren. In dem Moment ist dann der 'Groschen gefallen' und ich bin in die Crystal – Schiene abgerutscht.

 

Wann war der Moment, an dem du das Gefühl hattest, dass etwas außer Kontrolle geraten ist?

 

Als ich mit meinem Exfreund zusammen war, ging es nicht um mich, sondern ich habe eher mitbekommen, dass es nicht gesund war, was wir beide machen. Ich wusste dann, dass wenn keiner von uns beiden aufhört, das nichts wird. In dem Moment konnte ich auch von alleine aufhören und ein halbes Jahr später bin ich dann schwanger geworden. In diesem Moment war das Thema Drogen für mich durch. Aber die Beziehung zu ihm wurde immer schlechter und ist am Ende eskaliert. Nach dem Ende der Beziehung habe ich dann angefangen vermehrt Alkohol zu trinken. Ich bin in eine Depression verfallen und habe gemerkt, dass ich durch den Alkohol abschalten und entspannen kann. Ich wollte den Effekt haben. Alkohol war für mich irgendwie vertretbar, da ja viele Menschen trinken. Mein Alkoholkonsum wurde sehr schnell mehr und ich habe gemerkt, dass es nicht gesund ist. Sobald aber der Gedanke kam, dass es nicht gesund ist, habe ich noch mehr getrunken, weil der Gedanke dann wiederum auch nicht mehr so schlimm war. In der Zeit fing es dann auch an, dass ich nichts mehr gegessen habe. Ich habe dann an meinem Körper gemerkt, dass es nicht gut ist, was ich da mache. Aber dadurch, dass ich durch das Crystal sowie den Alkohol abgenommen habe, habe ich das eher als positiven Nebeneffekt gesehen und nicht als Warnsignal.

 

Ich habe dann auch angefangen unter der Woche zu trinken und auch schon früh am Morgen und wurde dann auch auf Arbeit darauf angesprochen. Ich bin dann regelmäßig ausgerastet und habe alles abgestritten. Meine Eltern haben mich auch oft darauf angesprochen. Freunde hatte ich zu diesem Zeitpunkt gar keine mehr. Ich wurde immer einsamer. Der ausschlaggebende Punkt war dann, dass meine Familie nach und nach aufgegeben hat. Ich dachte mir dann aber, wenn ich mir eingestehen würde, dass ich Hilfe benötige, dann würde ich meine Tochter, meine Arbeit, einfach alles verlieren und davor hatte ich Angst.

 

Letztes Jahr zu meinem Geburtstag habe ich dann so übertrieben, dass ich vor meiner Familie zusammengebrochen bin und gemeint habe, dass ich nicht mehr kann und Hilfe brauche. Es musste erst soweit kommen, dass ich mir nicht mal mehr Gedanken darüber mache, dass mein Kind weggenommen werden könnte oder meine Familie nicht mehr mit mir reden würde. Wenn nichts mehr übrigen ist, kein Verständnis, keine Hilfe, wenn alles weg ist und man das auch spürt, dann kapituliert man. Wenn mir weiterhin noch jemand geholfen hätte, dann hätte ich so weiter gemacht.

 

Ich musste deutlich spüren, dass es an mir ist etwas zu ändern, weil bis dahin ja immer alle anderen Schuld waren, die mir böse Unterstellungen gemacht haben.

 

Was waren deine Ängste und Gefühle bevor du die Therapie begonnen hast?

 

Meine größte Angst war mein Kind. Meine zweite Angst war meine Arbeit. Lange Zeit wusste niemand, was mit mir los ist, weil ich Angst hatte, dass ich zugeben müsste ein Problem zu haben und damit mein Gesicht verlieren würde. Mein letztes bisschen Stolz, was noch da war. Am Anfang der Therapie war ich auch der Meinung, dass ich nie wieder auf Arbeit gehen könnte, weil ich mich so geschämt habe. Vor allem wusste ich ja auch nicht, was Therapie eigentlich bedeutet. Mir konnte auch niemand wirklich sagen, wie es in der Suchtklinik ist. Hätte es damals deinen Blog schon gegeben, hätte mir das sehr geholfen (muss lachen). Da hätte ich wenigstens gewusst, dass es nicht der Weltuntergang ist. Und ich hätte nicht so eine große Angst gehabt.

 

In der Suchtklinik habe ich dann gemerkt, dass ich ja nicht die Einzige bin, der es so geht und das da nicht nur 'die typischen Sparmarkt – Leute' sind. OK, in der Entgiftung war es schon krass aber als ich dann zur qualifizierten Entgiftung gekommen bin wurde mir klar, dass es jeden treffen kann. Einer hatte in der Sparkasse gearbeitet, der andere beim Zoll, eine bei der Kripo. Das hat mir, so hart wie es klingt, sehr viel Mut gemacht. Das wusste ich alles bis dahin nicht.

 

Es war eine bittere und harte Zeit. Aber der Mensch gewöhnt sich an alles und mit der Zeit wird es ja auch nicht schlimmer, sondern besser. Ich glaube während der Reha müssen die Therapeuten einen auch dazu bringen, dass man am Boden ist, um die Gewohnheiten zu brechen und das tut echt weh und nervt wie Sau.

 

27 Wochen, 24 Stunden lang Therapie ist aber auch echt krass!

 

Die geballte Ladung, die dümmsten Regeln aber im Nachhinein hat alles Sinn ergeben. Das glaubt einem wahrscheinlich keiner, der das nicht selbst erlebt hat.

 

Was hilft dir heute dabei clean und trocken zu leben?

 

Die klassische Antwort wäre jetzt und ist es wahrscheinlich auch – meine Tochter. Aber eigentlich auch, dass ich alles wieder habe, von dem ich gedacht habe, es für immer verloren zu haben.

 

Ich habe wieder Kontakt zu meinen Freunden. Meine Arbeit macht mich jeden Tag stolz und glücklich. Ich habe unter Tränen alles gestanden. Ich habe die pure, ekelige Wahrheit gesagt. Und meine Ängste haben sich nicht bestätigt, sondern das Gegenteil ist eingetreten. Mein gesamtes Umfeld unterstützt mich und ist so froh, dass es mir wieder gut geht. Und das motiviert mich unglaublich. Auch die Nachsorge hilft mir sehr.

 

Wie gehst du mit Suchtdruck um?

 

Kurz nach meinem Geburtstag kam dieses kleine Männchen in meinem Kopf wieder und sagte: 'Naja gut, läuft doch alles! Schaffst du doch alles! Jetzt könntest du ja mal wieder!' In dem Moment bin ich so sehr vor mir selbst erschrocken und dachte mir: 'Um Gottes Willen!'. Diese Momente aus dem Nichts heraus hatte ich schon oft. Meist habe ich dieses Gedankenkarussell kurz vor dem Einschlafen. Gedanken wie: 'Wenn du jetzt etwas trinken würdest, würde es niemandem auffallen!'. Aber ich denke in diesen Momenten immer an die Vlada, die zu mir gesagt hat: 'Alles klar, du bist die Krankheit, du gehörst dazu. Der Gedanke kommt und geht aber auch wieder.' . Und das hilft mir. Ich weiß, dass diese Gedanken ganz normal sind. Das diese zum Suchtgedächtnis dazu gehören und kurz mal 'Hallo' sagen.

 

Zudem habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie ich nach der Therapie mit Bekannten umgehe, die noch konsumieren. Da ich den Kontakt nicht abbrechen wollte, nur weil ich eine Therapie gemacht habe. Meine Therapeuten meinte dann zu mir, wenn ich an meinem abstinenten Weg festhalte und diesen gehe, dann werden sich diese Dinge von alleine lösen und so ist es auch. Es ist nicht so, dass es einen Cut gab. Aber man sieht sich, grüßt sich, meidet sich aber irgendwie trotzdem. Es passt einfach nicht mehr und deswegen komme ich auch nicht mehr in Kontakt mit Drogen.

 

Was denkst du warum es gerade Frauen so schwer fällt um Hilfe zu bitten und sich die Sucht einzugestehen?

 

Ich denke was den sozialen Aspekt angeht ist es bei Männern eher lustig und fast schon normal wenn diese abends trinken. Da würde nie jemand blöd schauen. Aber wenn das eine Frau macht, dann ist das etwas anderes. Das ist wahrscheinlich gesellschaftlich so geprägt. Frauen müssen funktionieren. Haushalt, Kinder – dieses alte Schubladendenken.

 

Obwohl ich keinen Mann zu Hause habe, habe ich dennoch eine große Verantwortung für meine Tochter. Männer trinken unter sich und reden wahrscheinlich nicht so sehr über ihre Probleme. Bei Frauen ist es, denke ich, anders. Sie brauchen dann kurz eine Pause, wollen einmal nicht funktionieren und Alkohol erfüllt einen Zweck, hat eine Funktion.

 

Was würdest du Betroffenen raten?

 

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass meine Familie sehr verzweifelt war. Sie war einfach am Ende ihrer Kräfte. Im Nachhinein habe ich oft mit ihnen darüber gesprochen, wie sie sich gefühlt haben. Meine Familie meinte, es ist so ein schlimmes Gefühl der Machtlosigkeit. Du siehst deinem Kind zu, wie es sich kaputt macht und bist komplett hilflos. Meine Familie hat mich im Guten angesprochen, im Schlechten angesprochen. Ich bin permanent an die Decke gegangen. Reden hat bei mir tatsächlich nicht geholfen. Meine Familie hat es mich dann anders spüren lassen, indem ich bei jedem Treffen gesehen habe, wie traurig sie sind. Meine Familie hat mich nie fallen gelassen aber sie haben zu mir gesagt: 'Dir geht es wohl noch nicht schlecht genug!'. Und diese Aussage hat gesessen. An dem Tag, an dem ich zusammengebrochen bin, hatten meine Eltern einen Alkoholtest dabei. Hätten sie diesen nicht gehabt, hätte ich vermutlich wieder alles abgestritten. Als das Ergebnis auf dem Tisch lag, hat meine Familie zu mir gemeint: 'Wir sind da, wir helfen dir, wenn du dir Hilfe suchst. Ansonsten müssen wir unsere Konsequenzen, gerade in Bezug auf deine Tochter, ziehen!'. Ich habe meiner Tochter nie etwas getan, aber sie hat natürlich mitbekommen, dass es ihrer Mama nicht gut geht. Es gibt für ein Kind nichts schlimmeres als zuzusehen, wie sich die Mama weh tut und das hat meine Tochter einfach nicht verdient.

 

Wie offen gehst du jetzt mit deiner Abhängigkeit um?

 

Am Anfang war es mir sehr peinlich. Aber je mehr positive Rückmeldung ich bekam, desto leichter fiel es mir darüber zu reden. Ich habe bisher nicht eine negative Rückmeldung bekommen und das Hilft mir so sehr. Man ist irgendwie wie mit Perwoll gewaschen und irgendwie wieder neu. Ich habe während der Therapie gefühlt so viel zugenommen und dachte, ich sehe aus wie Sau. Aber von allen Seiten kam die Rückmeldung: 'Wie toll, du siehst ja richtig gut aus!' Das kommt mir so zugute. Meine Familie wollte immer die alte Chrissi zurück und der schönste Satz an meinem diesjährigen Geburtstag kam von meiner Mama, die zu mir sagte: 'Jetzt habe ich endlich wieder meine alte Chrissi zurück!'. Ich sehe jetzt wieder den Sinn im Leben und fühle mich wieder gebraucht, wertvoll und wichtig.

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