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Berlin - Sucht und Suche auf Tanzflächen

Mein Leben mit der Sucht.
Suchterkrankung

Berlin. Fast 5 Jahre meines Lebens habe ich in dir verbracht. 5 Jahre, die ich nicht missen möchte. 5 Jahre, die kunterbunt waren, mich lehrten, zeitgleich an meine Grenzen brachten. Oftmals waren Momente gefüllt mit Musik und Konfetti. Mit lauten Bässen, Tanzen bis ich meine Beine nicht mehr fühlen konnte. Ich habe viel gelacht, hatte schöne Zeiten mit schönen Menschen. Wie hieß es nochmal: 'Crew love is true love?'

Manchmal schienen Konfettimomente gräulich. Momente von Einsamkeit zwischen hunderten von Menschen. Die Momente, in denen ich mich verloren fühlte. Verloren in der großen Stadt. Wo will ich eigentlich hin? Was mache ich hier eigentlich? Geht es anderen genauso wie mir? Sind nicht andere Menschen hier auch auf der Suche, sind überfordert, wissen nicht wohin?

 

Lautet die Antwortet: Ja?

 

Gefragt habe ich lange Zeit nicht.

 

Den Großteil meiner letzten zwei Jahre in Berlin verbrachte ich am Wochenende stundenlang, wenn nicht tagelang auf Tanzflächen. Ich fühlte mich aufgehoben. Der Bass dröhnte in meinen Ohren, durchströmte meinen Körper sowie viele andere Substanzen. Mein Körper bewegte sich und ich konnte vergessen, loslassen, tanzen.

 

Ich hatte immer einen großen Respekt vor harten Drogen. 'Meine Leute' mussten mir oftmals versichern, dass mir auch wirklich nichts passieren wird. Einmal angefangen, traute ich mir mehr. Unbeschreibliche Gefühle, ich floss dahin. War wach, hatte gefühlt irgendwie alles im Griff. Andere machen das ja auch!

 

Ab und an saß ich über Stunden da und beobachtete Käfer und Insekten an Wänden, sah verzerrte Gesichter. Unzählige Telleraugen. Konnte nicht mehr geradeaus laufen und nichts mehr greifen. Verwechselte ungewollt Substanzen und hatte dann den Salat. Hart an der Grenze, ein Grenzgang. Grenze eindeutig überschritten.

 

Aber wo liegt die Grenze denn eigentlich?

 

Da muss wohl jeder auf sich selbst aufpassen und die Grenze ziehen. Aber anderen geht es ja auch so.

Wochenenden wurden leerer. Gleiche Tanzfläche, ähnlicher Bass. Ähnliche Substanzen, zahlreiche Telleraugen. Ist das alles? Wie fühlt es sich denn eigentlich nochmal an, am Wochenende bei Sonne im Park zu sitzen? Wie fühlt es sich an, Eis zu essen oder ein Museum zu besuchen? Wie fühlt es sich denn an, etwas 'normales’ zu tun? Wäre das zu normal? Wäre das langweilig? Bin ich denn dafür gemacht?

 

Letztens habe ich mir den Film 'Berlin Calling' angeschaut. Andere Perspektive. Zuvor Druffi, nun clean. Mir war nicht mehr zum Lachen. Der Aufenthalt in einer Entzugsklinik wird meiner Meinung nach eher schlecht als recht dargestellt, aber das soll vielleicht so. Die eine Szene. Von der kam ich nicht los. Kalkbrenner flüchtet aus der Klinik, flüchtet auf die Tanzfläche. Da war ich! Das war ich viele Wochenenden lang. Alleine unter Menschen auf einer Tanzfläche. Verschallert und einsam. Leeres Herz, verzerrtes Gesicht.

 

Ich frage mich, wie vielen im Club ging es genauso? Wie viele im Club haben neben mir getanzt und dasselbe gefühlt?

 

Sucht und Suche auf Tanzflächen. Sich selbst und seine Probleme weg - tanzen, weg - konsumieren, bleiben so lange es geht um nicht wieder in der Realität zu landen und alleine zu sein.

Clean und nüchtern traue ich mich gerade nicht auf Tanzflächen. Ich tanze jetzt in meinem Kopf. Mit Musik in meinen Ohren jogge ich durch den Wald. Das ist nicht das selbe, aber sicher. Anders als zuvor, vernünftiger.

Von meiner damaligen 'Crew' ist fast niemand mehr übrig geblieben. Das war schmerzhaft aber gut so. Meine Crew sind nun diejenigen, die schon immer da waren. Die Wochenenden mit Eis am Stiel im Park verbracht haben. Die wissen wie es geht, das vernünftige Leben. Die nicht übertreiben müssen. Die nur darauf gewartet haben, dass ich die Tanzfläche verlasse und mir die Sonne wieder ins Gesicht scheint. Ohne Telleraugen.

 

Einmal in der Woche besuche ich Berlin, besuche die Großstadt. Besuche, um zu reden. Um mich auszutauschen. Manchmal fühle ich mich erschlagen, sobald ich am Hauptbahnhof ankomme. Manchmal fühle ich mich erschlagen durch all die Menschen, all die Flaschen Bier, die in Händen getragen werden. Den Geruch von Gras, der in der Luft liegt und die kleinen Tütchen, die manchmal am Straßenrand liegen.

 Einmal in der Woche rede ich. Ich rede mit Menschen, von denen der Großteil die vorherige Zeit auf Tanzflächen verbracht hat. Sucht und Suche auf Tanzflächen. Denen ging es genauso wie mir, denen geht es genauso wie mir. Und ich frage mich:

 

Wie viele Herzensmenschen da draußen gibt es eigentlich noch?

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Andrea (Montag, 01 Oktober 2018 10:35)

    Hey, herzlichen Glückwunsch für Deinen Blog! Ich finde es sehr mutig und wertvoll, Deine Geschichte zu teilen. Danke dafür, dass Du hier bist!
    Liebe Grüße von Bloggerin zu Bloggerin (Hier bin ich: www.andrea-hein.de)

  • #2

    Laura (Montag, 01 Oktober 2018 10:42)

    Schöner Text, Vladi. Sehr authentisch. Freue mich auf einen Kaffee mit Dir!