Gespräch mit meiner besten Freundin

Sag mal Kathi, wann hattest du eigentlich zum ersten Mal das Gefühl, dass bei mir etwas außer Kontrolle geraten ist?

 

Ich habe mir schon während unseres Studiums in Leipzig manchmal gedacht: 'Ohje, hoffentlich wird die Vladi nicht einmal alkoholkrank.'. Das Gefühl hatte ich noch nicht zu Beginn unseres Studiums, es entwickelte sich erst mit der Zeit. Wir hatten eine Zeit lang Abende, an denen wir fast jeder eine Flasche Wein getrunken haben und haben selbst irgendwann gesagt, wir sollten das reduzieren. Ich denke es war schon immer eine Urangst da und die Hoffnung, dass es dich nicht trifft. Das hat vielleicht immer ein wenig mitgeschwungen.

 

Als du dann in Berlin warst und es dir nach der Trennung von deinem Exfreund so schlecht ging und du deswegen auch in der Klinik warst, weil du aus dem Fenster springen wolltest, war das für mich alles so surreal. Ich wollte es eventuell auch nicht so nah an mich heran lassen, weil ich auch so Angst um dich hatte. Du hattest dann eine Zeit, in der du ganz viel feiern gegangen bist. Da habe ich mir schon Gedanken gemacht und ich bin ehrlich gesagt froh, dass ich nicht viel darüber wusste, was dort in den Clubs wirklich ab geht. Ich selbst war ja nie wirklich sehr interessiert am Feiern. Du hast mir auch immer wieder gesagt, dass du weißt, was du tust und das du nicht die ganz harten Drogen nimmst. Die exzessive Feierphase war dann mit deiner neuen Beziehung wieder vorbei und ich habe einfach gehofft, dass sich deine Situation wieder verbessert und du das alles nur für eine Weile brauchtest.

 

Als mein Exfreund und ich dann zu deinem letzten Geburtstag in Berlin waren, kurz nach der Trennung von deinem letzten Freund, da habe ich gemerkt: oh scheiße, der Vladi geht es wirklich nicht gut! Du warst so schmal, hast so viel geweint und wirktest so ganz zerbrechlich. Ich habe gehofft, dass es einfach nur Liebeskummer ist und du dich wieder fängst, da es in der Vergangenheit auch immer so war. Deine Trennungen waren dramatisch und nach ein paar Monaten ging es dir aber wieder gut. Darauf habe ich ein bisschen gesetzt. Mir ist aber aufgefallen, dass du jedes Mal, wenn wir beispielsweise geskyped haben, auch etwas getrunken hast und ich hatte da schon immer dieses Gefühl.

 

Hast du aber jemals mitbekommen, dass ich betrunken war? Das habe ich mich schon oft gefragt, weil nie jemand irgendetwas zu mir gesagt hat.

 

Nein, ich habe nie etwas mitbekommen. Du warst nie verschallert und das war sicherlich auch der Grund, weswegen ich auch nie etwas gesagt habe. Da war einfach nur dieses Gefühl. Du hast immer normal mit mir geredet und warst nie aufgedreht oder hast betrunken gewirkt. Ich habe dich auch nie beim Feiern erlebt. Es war nur dieses Gefühl, welches mir gesagt hat, dass da etwas nicht in Ordnung ist und im Nachhinein denke ich mir, ich hätte etwas sagen sollen.

 

So blöd wie es klingen mag, aber in unserer Freundschaft war Alkohol trinken auch immer üblich. Ich habe ja auch immer jahrelang versucht dir 'nachzueifern' (muss lachen). Ich habe mir dann immer gesagt: 'Die Vladi verträgt eben viel, ist ja auch eine Halbrussin, da liegt das im Blut.'. Das war eben ein Teil von dir und hat mit dazu gehört und ich wusste eben, dass du viel verträgst. Du bist auch nie von 0 auf 100 gegangen, sondern der Konsum war immer da. Und es ist in unserer Kultur eben auch akzeptiert. Ich habe ja auch lange viel getrunken. Wenn es für dich selbst in Ordnung ist, dann nimmst du meiner Meinung nach auch nicht wahr, dass es vielleicht zu viel ist.

 

Was hat es denn so schwer gemacht mich darauf anzusprechen? Was hattest du für Gefühle oder Ängste?

 

Ich glaube da war ganz viel Angst mit dabei. In der Zeit ging es dir generell nicht gut. Im Job lief es scheiße, du warst mitten in einer Trennung und ich hatte einfach Angst in diesem Moment noch eins drauf zu setzen. Du wirktest oft so zerbrechlich und ich habe einfach versucht dich mit Samthandschuhen anzufassen und Dinge nicht noch schlimmer zu machen. Ich hatte vielleicht auch Angst davor, dass du mir sagst, dass es wirklich so ist und sich mein Gefühl bestätigt. Oder das ich es vielleicht selbst nicht wahrhaben wollte. Es hat viel mit Angst zu tun, den anderen damit zu konfrontieren.

 

Und wie war die Situation für dich, als die 'Katze dann aus dem Sack' war?

 

Ich wusste es ja schon. Die Bestätigung, dass es so ist, kam das letzte Mal, als wir uns in Berlin gesehen haben. Du kamst auf mich zu und da wusste ich es. Ich habe dich gesehen und du warst richtig krass aufgequollen. Und das war dann die Bestätigung zu meinem Gefühl und ich habe dich dann beobachtet. Du hast dir sehr viel in der Bar, in der wir waren, nachschenken lassen und warst dann den ganzen Abend und darauffolgenden Tag feiern. In dem Moment war das wichtiger als ich und das hat mich sehr verletzt. Klar war da eine Hoffnung, dass ich falsch liege, aber eigentlich war es mir klar. Aber selbst in diesem Moment hatte ich nicht den Mut, dich damit zu konfrontieren.

 

Mein Papa war der Erste, der sich getraut hat, mir etwas zu sagen. Und ich frage mich wovor man Angst hat? Was würde denn im schlimmsten Falle passieren?

 

Die Bestätigung, dass es wahr ist, wenn es ausgesprochen ist und ich das nie für dich wollte. Ich glaube es war auch einfach nur Angst, dass es real ist und du mich dann ablehnst, weil ich durch deinen familiären Hintergrund auch wusste, wie du der Sache gegenüber stehst.

 

Hast du mit einer anderen Person darüber gesprochen? Ich stelle mir das sonst sehr einsam vor, wenn man niemanden hat, mit dem man darüber reden kann.

 

Mir war es immer ganz wichtig, dich zu beschützen. Ich habe nie etwas ganz privates von dir preisgegeben. Ich glaube aus diesem Bedürfnis heraus, habe ich es auch nie mit jemandem besprochen.

 

Was würdest du jemandem raten, der in der selben Situation ist?

 

Aus heutiger Sicht würde ich definitiv dazu raten, dass Gespräch zu suchen. Wobei ich weiß, dass das schwer ist. Rückblickend betrachtet weiß ich, dass wir darüber hätten reden können. Aber ich weiß auch aus meinem Bekanntenkreis, dass da ganz viel Verleugnung ist. Es ist natürlich so, dass man nicht einschätzen kann, wie der Betroffene dann reagiert. Man muss sich bewusst sein, dass das Gespräch eventuell nicht den Ausgang nimmt, den man sich vielleicht erhofft und man muss die Kraft aufbringen, diesen Schritt zu wagen und das ist, denke ich, das schwierigste in dem Moment.

 

Wenn ich das Wort 'Alkoholiker' sage, was ist das erste Bild welches du im Kopf hast?

 

(Muss lachen) Naja, natürlich der Suffi vor dem Netto. Das hast du in deinem Blogbeitrag schon gut beschrieben.

 

Wäre es für Angehörige bzw. Freunde deiner Meinung nach leichter die Sucht zu verstehen, wenn sie wüssten, warum der Betroffene süchtig ist und nicht einfach aufhören kann?

 

Ich denke das 'Warum' ist ganz, ganz wichtig. Ich hatte nie Wut auf dich. Ich wollte dich immer beschützen. Und dadurch, dass du dir sehr schnell Hilfe gesucht hast, kam auch nie eine Wut bei mir auf. Ich glaube aber, dass es zum Beispiel in einer Partnerschaft wichtig ist zu verstehen, um sich eventuell auch in den Partner hineinzuversetzen und eventuell auch Mitgefühl für den Anderen empfinden zu können, wenn man das 'Warum' kennt. Vielleicht weiß man in der Partnerschaft einige schmerzliche Dinge noch nicht, die dem Partner in der Vergangenheit widerfahren sind.

 

Hat meine Suchterkrankung deinen Blick auf Alkohol verändert?

 

Es hat auf alle Fälle etwas mit mir gemacht. Ich habe meinen Alkoholkonsum sehr, sehr herunter gefahren. Ich versuche so wenig wie möglich zu trinken und das dann zu genießen. Ich habe mir viel mehr Gedanken über mein eigenes Verhalten und meinen Konsum gemacht. Es hat auf jeden Fall etwas verändert.

Und das ist mir jetzt ganz wichtig zu sagen!  Das, was ich für dich empfinde, hat sich auch dadurch nicht geändert, dass du gesagt hast, dass du alkoholabhängig bist. Du bist meine beste Freundin und ich habe dich nie auf deine Suchterkrankung reduziert. Das was ich für dich empfinde, hat sich auch durch deine Abhängigkeit nicht geändert. Ich habe dich vorher genauso geliebt, wie ich dich jetzt liebe. Für mich warst du immer die Vladi und das wirst du immer bleiben. Ich habe immer deine Seele gesehen. (Tränen fangen an zu rollen) Und mir ist es sehr wichtig, dir zu sagen, dass du so viel mehr bist als deine Sucht. Für mich ist das ein Teil von dir aber nicht wer du bist. Für mich hat sich mein Bild von dir niemals geändert. Es hat sich für mich in Beziehung zu dir nichts geändert. Für mich war es nur wichtig, dass es dir gut geht und du wieder gesund wirst.

Diese Angst davor, zu jemandem ehrlich zu sein,den man wirklich liebt, die ist unberechtigt! Man darf keine Angst davor haben, Menschen die man liebt, zu sagen, dass man sich Sorgen um sie macht, denn die werden nicht aufhören dich zu lieben. Denn sie lieben dich für diejenige Person, die du bist.

Betroffene sollten in jedem Fall den Mut haben, sich ihren Liebsten zu öffnen und keine Angst vor Zurückweisungen haben!