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Vom Beziehungschaoten zum Beziehungschaoten?

Schterkrankung ist Beziehungserkrankung
Beziehung

 Suchterkrankung ist Beziehungserkrankung, wird gesagt.

 

Letztens habe ich mit einem guten Freund telefoniert und ihm von meiner neuen Beziehung erzählt und, dass diese diesmal ganz ruhig verläuft. Er meinte dann zu mir: 'Also diesem Mann verleihe ich einen Orden!' Da musste ich ziemlich laut lachen.

Als kleines Mädchen habe ich noch von der großen Liebe geträumt, von dem einen Mann, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen werde. In meinen Träumen war er Bauer und hatte rote, lockige Haare. Keine Ahnung, warum eigentlich.

Hätte mir damals jemand gesagt, dass meine Lovestory in einer Suchtklinik beginnt, mit einem kokainabhängigen Ex – Hooligan, dann hätte ich sicherlich mit dem Kopf geschüttelt und laut losgelacht.

 

In Liebesdingen war ich eher ein Spätzünder. Ich habe mich lange Zeit nicht wirklich für die Männerwelt interessiert. Ich bin mit dem Glaubenssatz groß geworden, dass Männer nicht wirklich OK sind und dich eigentlich auch nicht gut behandeln. Das Männer auch irgendwie schwach sind. Ich sollte nie heiraten und erntete gefühlt jedes Mal einen bösen Blick, wenn ich verlautete, dass ich einen Freund habe. Dabei ist mir immer ein Stück weit mein Herz in die Hose gerutscht, weil ich nicht verstanden habe, warum das eigentlich so schlimm sein sollte, einen Partner zu haben. Heute weiß ich, dass diese Glaubenssätze nichts mit mir zu tun haben. Das Männer tatsächlich OK sind und, dass es OK ist, eine Beziehung zu führen.

 

'Männer sind ja schließlich so...'

 

Meine erste 'Beziehung' hatte ich mit Anfang 20, die eigentlich eher von Zerstörungswut, als von gesunder Beziehungsgestaltung geprägt war. Aber irgendwie habe ich dennoch 4 Jahre lang daran festgehalten. Männer sind ja schließlich so. Ich wurde eines besseren belehrt und nach einer dramatischen Trennung, trat dann wirklich ein Mann in mein Leben, der es ernst mit mir meinte. Der sich hätte alles mit mir vorstellen können. Mit dem ich es aber nicht länger als 3 Jahre ausgehalten habe. Ich wurde gefühlt erdrückt, ich wollte ausbrechen, einfach davon laufen. Etwas anderes erleben. Ich dachte, Liebe müsse ein permanentes Feuerwerk sein, Herzschmerz mit inbegriffen. Also machte ich mich auf und davon. Ich plädierte für Freiheit, für Offenheit, für Selbstbestimmung, für Spannung und ganz viel Spaß.

 

Es folgte eine Chaosbeziehung nach der anderen. Aber hey, immerhin bin ich frei. Im Herzschmerz fühlte ich mich irgendwie wohl. Zwar machte ich mir immer mal Gedanken, dass mir immer wieder Männer über den Weg laufen, die mich eigentlich nicht wollen, beziehungsweise die es nicht lange mit mir aushielten. Aber naja, war ja schließlich nicht meine Schuld. Im selben Atemzug, habe ich die Sicherheit auch nicht ertragen. Wenn ich einen Mann kennenlernte, der es tatsächlich ernst mit mir meinte und geblieben wäre, dann blieb mir die Luft weg. Dann konnte ich nicht mehr atmen und mir wurde plötzlich ganz komisch im Bauch. Das ist doch alles viel zu langweilig! So weit bin ich noch nicht, geschweige denn jemals so weit, über Heiraten und Kinder bekommen nachzudenken. Meine Freiheit ist mir heilig. Also schnell wieder auf und davon.

 

'Das war meine Welt, das war meine Freiheit.'

 

Also stürzte ich immer weiter über meine eigenen Beine, in einem immer wiederkehrendem Szenario und verstand die Liebeswelt nicht mehr. Ich entschloss mich, zu noch mehr Freiheit, also gar keine Beziehung mehr. Beziehungslos, mit einer Pseudobeziehung, mit One-Night-Stands. Das war meine Welt, das war meine Freiheit. Ich brauche keine feste Beziehung, um glücklich zu sein. Ich traf mich vorsichtshalber immer nur 3 Mal mit ein und demselben Mann, der Gefühle wegen. Sonst endet das dann im Chaos, mit Herzschmerz. Den wollen wir ja schließlich vermeiden.

Das ging über Jahre und langsam fragte ich mich, wann denn endlich mal Ruhe einkehren wird? Wann denn endlich mal der 'Richtige' kommt? Warum mir die (pseudo) Freiheit gar nicht so gut gefällt und mit jedem One-Night-Stand mein Herz ein Stück leerer wird und ich dann manchmal doch wieder in ein Beziehungschaos stürze, um den Herzschmerz zu fühlen, um irgendetwas zu fühlen, um der angeblichen Liebe nachzujagen.

 

Das letzte Chaos endete in der Klinik, nach dem letzten Chaos war ich endgültig leer und fertig mit der Männerwelt. Ich wollte das alles nicht mehr, keine Beziehung, keine One-Night-Stands, keine Dates. Dass das klar ist! Kann ja nicht immer so beschissen laufen, also läuft jetzt gar nichts mehr.

 

Aber wie das mit den guten Vorsätzen nun einmal so ist, die werden ungern eingehalten. Ich lernte einen Mann kennen, in einer Klinik. Liebesbeziehungen waren in dieser Klinik nicht erwünscht, wegen der Gefühlsduselei. Wir sollten uns ja schließlich um uns und unsere Probleme kümmern. Also verbrachten wir Zeit miteinander. Wir lernten uns kennen, wir redeten. Wir machten ganz normale Dinge. Und da wir in der selben Gruppe waren, mussten auch die Masken fallen. Da konnten wir uns gegenseitig nicht vorspielen irgendjemand zu sein und nur unsere Schokoladenseite zeigen. Da mussten wir uns zeigen, wenn wir verstehen wollten und gesund werden wollten. 18 Wochen haben wir uns so kennengelernt, wie ich außerhalb der Klinik nie jemanden kennengelernt habe. Da war die Katze von Beginn an aus dem Sack, da habe ich mich mit all meinen Ecken und Kannten gezeigt und meine komplette Geschichte offenbart. Und zum ersten Mal in meinem Leben, habe ich mir getraut hinzuschauen und zu formulieren, was ich mir denn eigentlich aus tiefstem Herzen wünsche und wovor ich eigentlich Angst habe und immer wieder davon laufe oder versuche es zu betäuben.

 

Ich habe begriffen, dass ich Beziehungen immer wieder schmerzhaft kreiere und mich auch immer wieder auf Partner einlasse, die mich verlassen, weil ich mich im Schmerz wohl gefühlt habe, weil ich im Schmerz nichts zu verlieren hatte. Von Anbeginn einer Chaosbeziehung, hatte ich nichts zu verlieren und konnte mich in meinem Herzschmerz sulen.

Ich habe verstanden, dass die Worte: 'Ich liebe Dich' im Herzschmerz eine Funktion haben. Nämlich die Message: Schau hin, wie scheiße es mir geht und wie klein ich bin, bitte verlass' mich nicht! Und das dies aber nichts mit wahrhaftiger Liebe zu tun hat. Ich habe gelernt, dass in einer festen Beziehung, die mir Sicherheit und Geborgenheit gibt, diese Message, diese Funktion bei diesen Worten entfällt. Deswegen gehen sie in eigentlich sicheren Momenten nicht leicht über die Lippen. Das ich in festen Beziehungen etwas zu verlieren habe und mir deswegen die Luft wegbleibt und ich am liebsten die Beine in die Hand nehmen und davonlaufen würde.

 

Ich habe gelernt, dass Liebe nichts mit Herzschmerz zu tun hat. Das Liebe still ist und dich bei der Hand nimmt. Das es absolut OK ist, sich zu zeigen. Das es keine Garantie dafür gibt, dass Beziehung funktioniert, dass ich aber eine bessere Chance habe, wenn ich lerne zu formulieren, was ich mir aus tiefstem Herzen wünsche. Wenn ich lerne, meine Gefühle und Ängste in Worte zu packen. Das es nicht darum geht, meine Schokoladenseite zu zeigen, obwohl die ja auch echt nett ist. Sondern dass es darum geht, mich selbst zu zeigen, denn dann hat mein Gegenüber die wahrhaftige Chance, auf mich zu reagieren. Dann stehe ich für mich selbst ein und sage, was ich mir Wünsche, wie ich mir eine Beziehung vorstelle, welche Träume ich habe.

 

Ich habe begriffen, dass in einer Beziehung tatsächlich irgendwie auch immer 4 Parteien aufeinander treffen. Zwei Erwachsene und zwei innere Kinder. Und das sie alle ein Mitspracherecht haben und ich als Erwachsener agieren kann, wenn ich begreife, was die Ängste meines inneren Kindes sind. Welches Beziehungsprogramm da unterbewusst eigentlich abläuft.

 

Und zum ersten Mal in meinem Leben führe ich eine Beziehung, die ich als wahrhaftig beschreiben kann. Ich meine, ein Beziehungschaot bin ich natürlich trotzdem manchmal. Dann prallen zwei Egoferkel aufeinander und es kracht Mal ganz laut. Aber ich lerne, daran zu wachsen und mich immer wieder für mich und meinen Partner zu entscheiden. Das mein Partner mir schonunglos den Spiegel vor Augen hält, in all meiner Verletzlichkeit. Ich übe mich im Gefühle formulieren und was es heißt 'ein Team' zu sein. Und in den Momenten, in denen mir zum davonlaufen ist, weiß ich nun ganz genau, wer da ganz laut schreit. Die Bindungsangst.

 

Ein paar wertvolle Bücher, die mir dabei geholfen haben, Beziehungsdynamiken zu verstehen, sind untere Anderem das Buch 'Liebe Dich selbst und es ist egal, wen Du heiratest' von Eva-Maria Zurhorst, 'Jeder ist beziehungsfähig' von Stefanie Stahl, 'Die Psychologie sexueller Leidenschaft' von David Schnarch und das wundervolle Buch von Jorge Bucay 'Drei Fragen'.

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Kommentare: 1
  • #1

    Sandra (Donnerstag, 22 November 2018 18:40)

    Danke, liebe Vlada, für diese, Deine Geschichte.
    Ich spüre, wie die Sehnsucht in mir aufsteigt und ich manchmal gar nicht mehr weiß, was denn jetzt eine funktionierende, erfüllende, auf Augenhöhe statt findende Partnerschaft ist. Verschiedene Varianten haben für mich nicht funktioniert. Ich fühle Traurigkeit und manchmal auch Verlorenheit. Nichtsdestotrotz bleibt es spannend und ich bin sicher, dass eine echte Begegnung und Verbindung nur möglich ist, wenn wir uns zeigen und unser Herz aufmachen. Alles Liebe zu Dir, Sandra